Ärzte Zeitung, 21.07.2018

Krank im Urlaub

Unterwegs mit dem ADAC-Ambulanzjet

Wer auf Auslandsreisen krank wird, der ist froh, wenn schnelle Hilfe naht. Besonders zügig geht das mit einem Ambulanzjet. Allein der ADAC transportiert pro Jahr etwa 1500 Patienten in eigenen Maschinen.

Von Christina Bauer

Unterwegs mit dem ADAC-Ambulanzjet

Ein Versorgungsplatz im Flugzeug.

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Unterwegs mit dem ADAC-Ambulanzjet

Flugarzt Michael St.Pierre versorgt an Bord einen Herzpatienten.

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Teamwork :Ein Patient wird vorsichtig in die Maschine bugsiert. Unten links: Ein Versorgungsplatz im Flieger.

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Es ist 11.20 Uhr als ein Krankenwagen auf dem Vorfeld des Flughafen Biarritz hält. An Bord ein Patient, der mit einem Ambulanzjet des ADAC in die Heimat zurücktransportiert werden soll. Der gelbe Flieger steht schon bereit.

Zur Besatzung gehört Flugarzt Dr. Michael St. Pierre, der nun von einem französischen Sanitäter über den Gesundheitszustand des Patienten aufgeklärt wird. "Es geht ihm mittelmäßig" berichtet der Sanitäter. Gemeint ist der 78 Jahre alte Herr B., dessen Urlaub an der französischen Atlantikküste plötzlich endet, als er keine Luft mehr bekommt.

Mit dem Herz hatte er schon länger Probleme, nun musste er wegen eines Lungenödems in eine Klinik im südwestfranzösischen Dax eingeliefert werden. Glück für Herrn B.: Sein Sohn setzt sich in Deutschland mit dem ADAC in Verbindung.

Hier hat der Urlauber eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen, die einen Rücktransport im Notfall einschließt. Vier Mal berieten sich die Ärzte der Münchner Zentrale mit den Kollegen in Dax.

Nach einigen Tagen schätzten die Franzosen den Gesundheitszustand so stabil ein, dass eine Heimreise mit einem Ambulanzjet in Frage kam. Nun wartet Herr B. erschöpft darauf, dass ihn Arzt und Sanitäter an Bord bringen.

Mehr Zeit für die Patienten

Die Diuretika, die der Patient wegen des Ödems erhalten hat, haben ihm womöglich zuviel Wasser entzogen, vermutet St. Pierre. Kaum im Flugzeug wird Herrn B. eine Elektrolytinfusion angelegt.

Eine halbe Stunde nach der Landung in Biarritz hebt der gelbe Ambulanzflieger bereits wieder ab. Mit an Bord ist auch Intensivkrankenpfleger Holger Pfister.

Er begleitet schon seit 20 Jahren Rückholflüge. Damals wurden die Besatzungen noch per Piepser alarmiert. Der Auftrag musste in der nächsten Telefonzelle erfragt werden.

Wie viele der fliegenden Pfleger arbeitete er lange primär an Kliniken, zuletzt am Uniklinikum Würzburg. Seit eineinhalb Jahren aber betreut er nur noch Patienten auf solchen Krankentransporten.

Ein Pfleger für zwei Patienten, das wäre im Klinikalltag kaum vorstellbar, berichtet er. "Man hat im Krankenhaus keine Zeit mehr, sich um die Patienten zu kümmern."

Jetzt begleitet er pro Tag einen Flug – allerdings immer nur an fünf Tagen hintereinander, anschließend gibt es drei bis vier Tage Pause. Seine Kollegin Heidrun Buchner ist bei drei Flügen im Monat dabei. Hauptberuflich arbeitet sie am Klinikum Neumarkt.

Was den Pfleger, aber auch Flugarzt St. Pierre zum Einsatz über den Wolken motiviert: Man erhält Einblick in andere Gesundheitssysteme und erweitert den eigenen Horizont. Nicht zuletzt, so der Arzt, zeigten die Einsätze, wie gut die Versorgung in Deutschland ist. "Es gibt kein Land, mit dem ich tauschen würde", lautet sein Fazit.

Er ist seit zwei Jahren Flugarzt. Etwa alle zwei Monate ist er fünf Tage im Einsatz. Im Hauptberuf ist er Oberarzt am Uniklinikum Erlangen-Nürnberg.

80 Flugärzte

Viele der 80 Flugärzte arbeiten dort, denn der ADAC hat einen Kooperationsvertrag mit der Klinik. Die Pfleger stellt der Malteser Hilfsdienst. An Bord der Dornier 328 hat Patient B. aber nun erst einmal die komplette medizinische Besatzung für sich allein.

Etwa 1500 Menschen holt der ADAC im Jahr per Ambulanzflug nach Hause. Weitere 2900 per Linienflug. Noch mehr Rücktransporte erfolgen per Krankenwagen.

Möglich ist der Rücktransport, wenn der Patient medizinisch unterversorgt ist. Aus deutscher Perspektive ist das relativ häufig bei medizinischen Notfällen im Ausland der Fall. Allerdings können die meisten der jährlich etwa 55 000 ADAC-Patienten durchaus vor Ort medizinisch angemessen versorgt werden.

Manchmal gibt aber auch der Patientenwunsch den Ausschlag für einen Rücktransport. Viele zieht es in eine wohnortnahe Klinik, wo sie die Sprache verstehen und Angehörige in der Nähe wissen. Hier lässt sich gut damit argumentieren, dass die Umgebung einen erheblichen Einfluss auf die Genesung haben kann.

Transport nach Ney York kann schon mal 80.000 Euro kosten

ADAC Ambulanz Service

55.000 erkrankte Patienten wurden 2016 in insgesamt 191 Ländern betreut.

4400 Patienten wurden im vergangenen Jahr mit dem Flugzeug zurückgeholt.

2900 wurden mit einer Linienmaschine nach Hause geflogen, 1500 mit einem Sonderflug.

4 Flugzeuge umfasst die ADAC-eigene Ambulanzflotte.

Seit den ersten Ambulanzflügen in den 1970er Jahren haben sich in Deutschland weitere Anbieter etabliert. Die rot-weißen Flieger der DRF Luftrettung holen von Karlsruhe aus Patienten ab, die den DRF mit Spenden unterstützen, 2017 waren es 187.

Der Bereich ist aber, wie beim ADAC, viel kleiner als die Helikoptersparte, die vor allem im Inland Notfälle erstversorgt. Zudem entsenden Privatfirmen wie die Vendana GmbH in Wuppertal ihre Flieger.

Wer über ausreichend Finanzmittel verfügt, kann jederzeit einen Flug inklusive medizinischer Versorgung ordern.

Ein Transport nach New York zu einer Spezial-OP kann aber schon einmal um die 80.000 Euro kosten. Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt die Kosten für Rücktransporte nicht.

Auch die Kosten für Behandlungen im Ausland werden nur in einem begrenzten Rahmen bezahlt. Die PKV erstattet Kosten je nach Vertrag in unterschiedlicher Höhe.

Der Abschluss einer Reisekrankenversicherung, die ab etwa zehn Euro pro Jahr angeboten wird, zahlt sich im Ernstfall also aus. Private Reisekrankenversicherungen übernehmen meist Behandlungen und "medizinisch sinnvolle" Rücktransporte.

Perfekte Organisation

Drei Flugstunden nach dem Start in Biarritz landet die Maschine im kroatischen Pula. Die Koordination hat perfekt funktioniert. Die drei avisierten Krankenwagen sind mit ihren Patienten vor Ort. Als erste geht Frau A. an Bord.

Allerdings muss die 46-Jährige dabei gestützt werden. Kroatische und deutsche Sanitäter, Arzt und Copilot bringen die anderen Patienten ins Flugzeug. Einen älteren Mann, der einen Schlaganfall erlitten hat sowie einen Mann in mittleren Jahren mit Oberschenkelhalsbruch.

Beim Umlagern ist deutlich zu sehen, dass er erhebliche Schmerzen hat. Holger Pfister gibt ihm ein Opiat, damit der Flug für ihn erträglicher wird.

Zu Hause wird er vermutlich in den nächsten ein bis zwei Tagen operiert werden und kann vielleicht in einer Woche die Klinik bereits verlassen. Der Schlaganfallpatient ist während des Fluges sehr unruhig. Er kann nicht sprechen und das belastet ihn offensichtlich sehr.

Heidrun Buchner würde ihm gern wie gewünscht etwas zu trinken geben, aber das Schlucken fällt ihm schwer. Zitronenstäbchen und eine Infusion müssen erst einmal reichen.

Der Schlaganfall ist einige Tage her, aber eine spezielle Therapie hat der Patient bislang nicht erhalten. Schon die diagnostischen Möglichkeiten vor Ort waren begrenzt. "Die haben gar nichts", sagt St. Pierre. Eine neurologische Spezialversorgung gibt es auch in vielen anderen Kliniken Kroatiens nicht, ist seine Erfahrung.

Autofahrt kam nicht in Frage

Auf der Heckliege erwartet Frau A. die Ankunft. Sie ist ein paar Tage zuvor in einer Tropfsteinhöhle ausgerutscht. "Ich weiß gar nicht mehr, wie ich da rausgekommen bin", erzählt sie. In der Klinik empfahlen die Ärzte zur Stabilisierung ein Korsett.

Aber ihr war mulmig zumute. Sie verstand nur wenig und wollte lieber bald nach Hause. Eine Autofahrt kam nicht in Frage. Mit dem Bruch wäre das eine Tortur gewesen.

Der Ambulanzservice lotste sie in eine slowenische Klinik nahe der Grenze. Dort sprachen die Ärzte Deutsch. Sie meinten, ein Korsett sei unnötig, der Bruch heile auch so.

Nun möchte die Patientin den Rat der Klinikärzte in Frankfurt hören. Mann und Kinder sind vorausgefahren, die Nacht überstand A. mit Schmerzmitteln allein.

An Bord geht es jetzt zu wie auf einer kleinen Intensivstation. Arzt und Pfleger sehen abwechselnd nach den Patienten, vor allem nach den älteren.

Die meisten Patienten auf Ambulanzflügen haben ähnliche Indikationen wie diese vier. Aber es gibt auch ungewöhnlichere Einsätze. Pfister hat einige davon mitgemacht. Er war fast immer dabei, wenn jemand per mobiler Herz-Lungen-Maschine gerettet wurde.

Seit drei Jahren ist das möglich, seitdem war das extrakleine Gerät mehrmals im Einsatz. Dazu müssen neben Anästhesist und Pfleger noch Herzchirurg und Kardiotechniker mitfliegen. Sie schließen den Patienten an die Herz-Lungen-Maschine an – erst wenn der Patient stabil genug ist, geht es ins Flugzeug.

Humanitäre Einsätze sind die Ausnahme

So wurde zuletzt eine Frau gerettet, die im Sommer 2017 mit einer schweren Infektion in einer ägyptischen Klinik lag. Nicht alltäglich war auch der Transport zweier schwerverletzter Kinder aus dem syrischen Homs. Sie waren von Rebellen in den Libanon gebracht worden.

Von dort holte ein Ambulanzjet die beiden nach Deutschland, wo sie an der Kinderklinik des Münchner Uniklinikums behandelt wurden. Humanitäre Einsätze sind bei den gelben Fliegern allerdings die Ausnahme.

Um 16.30 Uhr landet der Flieger in Frankfurt. Die vier Patienten werden nun mit dem Krankenwagen in die weiterbehandelnden Kliniken gebracht. "Das Schlimmste ist überstanden", sagt Frau A. erleichtert, bevor sie die Maschine verlässt.

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