Ärzte Zeitung online, 06.06.2019

Reiseführer

„Pest für Europäer wenig ansteckend“

Als Reisen noch echte Abenteuer waren, warnte der „Baedeker“ mit kuriosen Tipps vor zahlreichen Unannehmlichkeiten und Krankheiten.

Von Sibylle Peine

BERLIN. Auch heute noch ist das handliche rote Buch treuer Begleiter vieler Touristen. Der Baedeker ist der Klassiker unter den Reiseführern. Was 1832 mit der „Rheinreise“ begann, wurde schnell zum millionenfachen Verkaufsschlager.

Wie sehr sich das Reisen seither gewandelt hat, zeigt sich im Spiegel alter Baedeker-Führer, die der Verlag jetzt als „Handbuch für Schnellreisende“ in einer Auswahl zusammengestellt hat.

Die amüsant zu lesenden Kostproben aus längst vergangenen Zeiten sind eine ebenso kuriose wie interessante Lektüre zum Auftakt der Reisesaison.

Spitzbuben und Ungeziefer

Der Tourist im 19. Jahrhundert war ein erlesenes Exemplar, betucht und bildungsbeflissen. Dennoch musste er auch eine gehörige Portion Wagemut und Unerschrockenheit mitbringen, denn selbst heutige Standardreiseziele wie Italien und Spanien waren damals voller Tücken. In Bella Italia lauerten Spitzbuben und Ungeziefer allerorten.

Der Reisende musste stets vor Betrügern auf der Hut sein, und das Schlimmste daran: „Der Italiener niederen Schlags betrachtet einen derartigen Betrug nicht als ein Unrecht, sondern als einen Beweis größerer Klugheit.“

Gegen die Plage der Wanzen und Flöhe in unsauberen Hotelzimmern rät der Baedeker zur Mitnahme eines guten persischen Insektenpulvers. Doch es ist tröstlich zu wissen: „Der helle südliche Himmel lässt den Schmutz viel weniger abschreckend erscheinen.“

Spanien wiederum war damals in seiner beklagenswerten Rückständigkeit nur für ganz Abgebrühte ein Touristenziel. Allein schon das Reisen in den 25 Kilometer pro Stunde langsamen, mit blinden Passagieren überfüllten und verwahrlosten Eisenbahnen war eine Qual. Belohnt wurde man am Ende auch nicht.

Der Baedeker urteilte vernichtend: Granada sei nur eine „lebende Ruine“, Toledo die düsterste Stadt Spaniens. Überhaupt störte überall im Land das nervige „Geschrei des Nachtwächters“ und das miserable Bier.

60 Flaschen Wein als Reisevorrat

Bei exotischeren Reisezielen wie Ägypten musste man seinerzeit noch Vorbereitungen wie zu einer Expedition treffen. So musste sich der Tourist für eine Nilkreuzfahrt im Vorfeld gut mit Vorräten eindecken. Der Baedeker empfiehlt für eine Gruppe von drei Reisenden unter anderem „zwei Fässer Kartoffeln, zwei Fässer Mehl, 60 Flaschen Medoc-Wein und zwanzig Flaschen Lagerbier“.

Zum Ausgleich kam der damalige Reisende in den Genuss von Attraktionen, die dem heutigen Massentouristen versagt sind. So konnte er Ende des 19. Jahrhunderts noch die Pyramiden besteigen.

Doch musste er sportlich sein, denn zwei gewandte Beduinenführer zogen und schoben ihn im Schweinsgalopp hinauf. Die Grabkammern wiederum waren so eng und stickig, dass der Baedeker „vollblütigen, nervösen oder sonst leidenden Personen“ davon abriet.

Auch so exotische Reiseziele wie Indien hatte der Baedeker bereits im Angebot. Praktische Tipps für die angemessene Kleidung durften hier nicht fehlen. Für den vornehmen Herrn empfahl der Reiseführer ein Dinner-Jackett, einen Anzug aus Rohseide und – falls der Vizekönig einen mit einer Einladung beehren sollte - einen Gehrock.

"Viele nehmen eigenes Waschbecken mit"

Für Nachtfahrten mit der Eisenbahn war die Mitnahme einer Matratze, einer Bettdecke und mehrerer Kissen geboten. Doch der kluge Reisende beugte weiter vor: „Viele nehmen auch ein eigenes Waschbecken mit.“

Krankheiten wie Cholera, Blattern und sogar die Pest drohten hier mancherorts. Der Baedeker zeigte sich jedoch optimistisch: „Die Pest ist für Europäer wenig ansteckend.“

Wer sich so richtig schaudern wollte, der brauchte aber gar nicht so weit zu reisen. Paris bot im 19. Jahrhundert die wohl gruseligste Touristenattraktion Europas: Im Leichenschauhaus La Morgue auf der Ile de la Cité wurden unbekannte Leichen, darunter viele Selbstmörder, zur Identifizierung ausgestellt: „Links liegen auf Marmorplatten die Leichen, von einem kleinen Wasserrohr stets kalt und nass erhalten. Die Kleidung, in welcher sie aufgefunden wurden, ist darüber gehängt.“

Die Neugierigen kamen in Scharen. Erst 1907 war Schluss mit dem Gruselkabinett. Neue Attraktion war nun der Eiffelturm. (dpa)

Baedeker’s Handbuch für Schnellreisende, Dumont Reiseverlag, Köln

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