Ärzte Zeitung, 20.06.2007

Spickzettel von Schülern sind wissenschaftlich wertvoll

Sammlung von 5000 Dokumenten / Handgeschriebene Spicker komprimieren das nötige Wissen in sinnvoller Weise

NÜRNBERG (dpa). 40 Jahre sammelte Günter Hessenauer Briefe, Spickzettel und Kritzeleien seiner Schüler. 5000 Dokumente umfasst die einzigartige Sammlung, die der Lehrer nun der Universität Erlangen-Nürnberg zur wissenschaftlichen Auswertung übergeben hat.

Auf einem Spickzettel in Briefmarkengröße stehen die zehn Gebote. Foto: dpa

"Als fleißiger junger Lehrer habe ich nach Unterrichtsschluss immer geschaut, ob die Klasse sauber ist und die liegen gebliebenen Zettel eingesammelt", sagt der 66-Jährige. Im Laufe der Zeit habe er festgestellt, dass hinter den Briefen, Kritzeleien und Spickzetteln mehr stecke als nette oder witzige Ideen.

"Eine solche Sammlung ist international bisher nicht bekannt. Auch wenn das Spicken eine uralte Tradition ist, die es bereits im alten Rom gab", sagt Annette Scheunpflug von der Universität. Hessenauers Sammlung sei deshalb ein großer Glücksfall für die Forschung. "Aus den Briefchen und Spickzetteln können wir viel über den Alltag der Schüler, ihre Beziehungen zueinander, ihre Sprache und ihre politischen Einstellungen erfahren", erklärt Scheunpflug. Die Sammlung wird zunächst katalogisiert. Von Oktober an sollen ausgewählte Stücke im Nürnberger Schulmuseum gezeigt werden.

Die Inhalte der Briefchen reichen von komplex ausformulierten Ratschlägen, endlich mit der "heulenden Freundin" Schluss zu machen, bis zu simplen Anfragen wie "Hast du mal ein Taschentuch?". Eine Auflistung der Zehn Gebote auf 5,5 Zentimetern aus den sechziger Jahren gehört zu Hessenauers Lieblingsspickzetteln. Ein handwerklich begabter Schüler wiederum hat den Stoff für die Klassenarbeit einmal in ein Stück Kreide geritzt. Technischer Höhepunkt ist eine eingescannte und in Farbe dann wieder ausgedruckte Papierbanderole einer Limonaden-Flasche mit Infos zur Geschichte der USA anstelle der Inhaltsstoffe.

"Ein Hand geschriebener Spickzettel ist pädagogisch äußerst wertvoll", sagt Hessenauer. "Der Schüler komprimiert das Wissen, das er lernen muss, und hat damit eigentlich genau das geleistet, was der Lehrer sich wünscht. Meistens braucht er den Zettel meiner Erfahrung nach dann gar nicht mehr."

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