Ärzte Zeitung, 03.02.2010

Nachhilfeboom stößt auf heftige Kritik

Der Boom bei der privaten Nachhilfe wird die Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem nach Einschätzung der Lehrergewerkschaft GEW nochmals verstärken.

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Probleme im Mathematik-Unterricht? Da ist immer häufiger Nachhilfe angesagt. ©Trojanowski/fotolia

BIELEFELD (dpa). "Das ist eine dramatische Entwicklung", sagte die stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Marianne Demmer, der Deutschen Presse Agentur.

Kinder aus benachteiligten Familien hätten es in Deutschland ohnehin schwerer in der Schule, sagte Demmer. Ihre Eltern könnten sie meist weniger unterstützen. Das gegliederte Schulsystem sorge zudem für eine frühe Selektion. "Die zunehmende Unterstützung durch das Elternhaus mit privater Nachhilfe, die vom Geld abhängt, verringert die Bildungsgerechtigkeit nochmals."

Benötigt wird zusätzliches Personal

Die GEW-Vertreterin mahnte: "Die individuelle Förderung ist eigentlich die Aufgabe der Schulen." Die Kultusminister machten es sich einfach, wenn sie diese Aufgabe den Schulen zuweisen, sie aber gleichzeitig nicht mit den notwendigen personellen und materiellen Ressourcen ausstatten. "Individuelle Förderung kann man nur machen, wenn man zusätzliches Personal hat und die Lehrkräfte entsprechend ausgebildet sind", sagte die Gewerkschafterin.

Auch die Ganztagsschulen, die eigentlich dafür sorgen sollen, dass mehr Zeit für den einzelnen Schüler da ist, seien überfordert. "Die sogenannten Ganztagsschulen sind zum großen Teil keine echten Ganztagsschulen. Es sind eher Stätten der Betreuung, wo teilweise mit möglichst billigen Lösungen versucht wird, eine Betreuung sicherzustellen", kritisierte Demmer. "Das hat mit systematischer Förderung der Kinder, die es nötig hätten, nichts zu tun." Mit den Nachhilfeinstituten entstehe ein Parallelsystem zum öffentlichen Schulwesen. "Darum müsste die Schulaufsicht auch die Aufsicht über diese Nachhilfeeinrichtungen übernehmen."

Die private Nachhilfe für Kinder und Jugendliche in Deutschland boomt: Rund 1,1 Millionen Schüler nehmen regelmäßig bezahlten Nachhilfeunterricht in Anspruch, heißt es in einer Studie der Bildungsforscher Klaus und Annemarie Klemm für die Bertelsmann Stiftung.

Starkes Gefälle zwischen Ost und West

Das ist etwa jeder achte (12,2 Prozent) der insgesamt neun Millionen Schüler an allgemeinbildenden Schulen. Insgesamt geben Eltern nach der Studie jährlich zwischen 942 Millionen und knapp 1,5 Milliarden Euro dafür aus. Dabei gibt es ein starkes Gefälle zwischen West und Ost. Der Studie zufolge ist Nachhilfe bereits in der Grundschule an der Tagesordnung. Besonders häufig wird sie in Anspruch genommen, wenn es am Ende der Grundschulzeit um die Empfehlung für die weiterführende Schule geht. Die Sonderauswertung der IGLU Bildungsstudie aus dem Jahr 2006 ergab, dass im Schnitt aller Bundesländer 14,8 Prozent der Viertklässler Nachhilfe im Fach Deutsch erhalten.

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