Ärzte Zeitung online, 26.12.2015

Sportsucht

Trainieren bis zur Herzrhythmusstörung

Sport kann zur Sucht werden, und damit ist nicht zu spaßen: Sportsüchtige zerstören nicht nur ihren Körper - sondern oft auch ihre Seele.

Von Thomas Müller

Trainieren bis zur Herzrhythmusstörung

Eine Frau beim Schwimmen. Bei Sportsüchtigen treten andere Aktivitäten als Sport in den Hintergrund.

© puckillustrations/ fotolia.com

BERLIN. Die junge Frau konnte es nicht fassen: Die Blasen an den Füßen wollten einfach nicht verschwinden, dabei rannte sie kaum noch, ja machte fast gar keinen Sport mehr, nur noch etwas Radfahren.

Aber das belaste den Fuß doch kaum, sagte sie ihrem Arzt. Der fragte, wie viel sie mit dem Rad täglich unterwegs sei. "Nicht viel, nur drei bis vier Stunden am Tag. Und wenn es nicht regnet, auch in der Mittagspause."

Mit diesem Beispiel machte Professor Karl-Jürgen Bär vom Uniklinikum Jena beim DGPPN-Kongress auf ein Problem aufmerksam, das immer noch unterschätzt wird: Sport als Suchtmittel.

Wie viele Menschen davon betroffen sind, lasse sich nur schwer feststellen, so der Leiter der sportpsychiatrischen Sprechstunde am Klinikum in Jena.

Zuverlässige epidemiologische Untersuchungen gebe es kaum, auch sei es auf den ersten Blick nicht einfach, die Sportsucht von anderen pathologischen Erscheinungen beim Sport abzugrenzen - etwa Anorexie bei exzessivem Ausdauersport und Körperschemastörungen, die häufig bei Bodybuildern zu beobachten sind.

Charakteristisch für eine Sportsucht seien jedoch Merkmale, wie sie auch bei anderen Suchterkrankungen auftreten - Toleranzentwicklung, Entzugserscheinungen mit erhöhter Reizbarkeit, Depressivität oder Ängstlichkeit sowie ein Gefühl der Fremdbestimmtheit und des zwanghaften Handelns bis hin zum kompletten Kontrollverlust: Hier besteht dann zwar der Wunsch, die sportliche Aktivität zu reduzieren, solche Versuche scheitern aber regelmäßig.

Andere Aktivitäten als Sport geraten zunehmend in den Hintergrund, Freizeit und Urlaub stehen nur noch im Zeichen des Trainings.

"Positive Addiction" oder körperlicher Ruin?

Ein Problem für die Suchtentwicklung ist die hohe gesellschaftliche Akzeptanz von Sport. Wer viel Sport treibt, wird oft bewundert, erhält ein positives Feedback.

Selbst die Sportsucht wurde in den 1970er-Jahren noch glorifiziert. Der US-Psychiater William Glasser sprach von einer "positive addiction". Er sah darin einen "wichtigen und neuen Weg für Sportler, mental noch stärker zu werden", zitierte ihn Bär.

Dass jedoch in der Regel das Gegenteil der Fall ist, erläuterte der Jenaer Psychiater auf dem Kongress an einem konkreten Beispiel: Eine Frau erinnert sich daran, schon als Jugendliche "auf Bewegung fixiert" gewesen zu sein. Sie hat Basketball gespielt und an Crossläufen teilgenommen, wobei das Trainingspensum mit der Zeit immer mehr zunahm.

Irgendwann stand sie bereits morgens um vier Uhr auf, damit sie das viele Laufen, Schwimmen und Fitnesstraining überhaupt noch in ihren Tagesablauf integrieren konnte. Um sieben Uhr musste schließlich der Sohn zur Schule, sie dann später zur Arbeit.

Morgens die erste, in der Mittagspause die zweite und abends die dritte Trainingsrunde. "Ich bin auf vier bis fünf Stunden Training gekommen, und zwar sieben Tage die Woche. Einmal habe ich 91 Tage ohne Pause durchtrainiert."

Die harte Arbeit zahlte sich aus: Sie wurde gut im Schwimmen und nahm an Weltcups teil, belegte dabei vordere Plätze. Genießen konnte sie es aber nicht. "Es war eine Art Hassliebe, ich war ständig gehetzt und getrieben, der Sport hat mich völlig absorbiert."

Sie ignorierte Schmerzen, trainierte trotz Sehnenscheidenentzündung weiter, brach einmal nach dem Training zusammen. Ihre Stimmungsschwankungen nahmen drastisch zu. Irgendwann sagten ihre Freunde, sie sei sportsüchtig.

Letztlich half aber keine Einsicht, sondern ein medizinischer Befund, der ihre Karriere beendete: Sie hatte Arrhythmien entwickelt und war zunächst zur Bewegungslosigkeit verurteilt. Inzwischen kann sie wieder schwimmen, aber mit hartem Training ist nun Schluss, stattdessen studiert sie Medizin.

Nicht immer kriegen die Betroffenen noch die Kurve. Bär konnte auch von Sportsüchtigen berichten, die nach einem Unfall Suizid begingen - weil sie nicht mehr trainieren konnten.

Keine einheitliche Diagnose

Auch wenn solche Beispiele sehr anschaulich sind - eine einheitliche Diagnose existiert bislang nicht. Als Screening-Instrument sei immerhin die "Exercise Dependence Scale" zu gebrauchen.

Hier wird nach Verhaltensweisen gefragt, die eine Sportsucht nahelegen. Bär nannte hier vor allem zehn wichtige Merkmale (siehe unten stehenden Infokasten).

Diskutiert wird auch noch viel über die Entstehung der Sportsucht. Bär hält etwa das Phasenmodell des Sportpsychologen Thomas Schack für plausibel. Es sieht zunächst eine immer stärker werdende Bindung an den Sport, etwa um Stress abzubauen, das Selbstwertgefühl zu stärken und die mentale Kontrolle zu erhöhen.

Ein Gefühl der Selbstwertbedrohung und der herabgesetzten Kontrolle könnten Auslöser sein. In dieser Phase finden auch hormonelle Veränderungen statt, der Körper gewöhnt sich mitunter an die erhöhte Endorphin- und Dopaminausschüttung, auch die Stressachse zeigt vielleicht Toleranzeffekte.

Es ist dann eine Trainingssteigerung nötig, um das Arousal zu dämpfen, das Selbstwertgefühl zu steigern und den Stress abzubauen. Wie bei anderen Süchten auch kann sich dieser Kreislauf hochschaukeln und in die Abhängigkeit führen: Die Sucht kontrolliert immer mehr das Verhalten, die mentale Selbstkontrolle nimmt weiter ab.

Bei der Therapie Sportsüchtiger rät Bär, die Gesundheitsschädlichkeit zu thematisieren. In der Regel würden immer nur die positiven Seiten des Sports hervorgehoben, vielen sei gar nicht klar, dass sie mit ihrem übermäßigen Training ihren Körper ruinierten.

Wichtig sei auch, Alternativvorstellungen im Sport zu entwickeln und sich nicht nur auf die Leistungssteigerung zu fixieren. Eine vollständige Abstinenz hält der Psychiater in der Regel jedoch für unnötig.

Vielmehr gehe es darum, die Kontrolle über das Training zurückzuerlangen. Dazu gehörten ein strukturierter Übungsplan mit ausreichenden Pausen und vielseitigen Übungen.

Typische Zeichen einer Sportsucht

Stimmen Patienten diesen Aussagen zu, ist eine Sportsucht wahrscheinlich.

- Sie erzählen ihrem Umfeld nicht, dass Sie so viel Sport treiben.

- Sie ignorieren Warnzeichen des Körpers wie Schmerzen, Erschöpfung, Fieber und Stressfrakturen

- Sie halten 100 km Laufen oder 400 km Radfahren pro Woche für normal und steigerungswürdig

- Sie zählen manche Sportarten, etwa Radfahren, gar nicht als Sport

- Sie melden sich in mehreren Fitnessstudios an, um jederzeit trainieren zu können

- Keinen oder wenig Sport treiben zu können empfinden Sie als Strafe, Sie bekommen dann Entzugserscheinungen

- Sie vernachlässigen soziale Kontakte

- Sie stehen extra früh auf, um vor der Arbeit noch Sport treiben zu können

- Wenn Sie ihre Hauptsportart wegen Schmerzen oder Verletzungen nicht betreiben können, weichen Sie auf eine andere aus, um ihr Pensum zu erfüllen

- Sie treiben Sport, um eine positive Stimmung aufrechtzuerhalten.

Quelle: Professor Karl-Jürgen Bär, DGPPPN-Kongress)

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