Ärzte Zeitung online, 06.08.2019

Zwischen Begeisterung und Abhängigkeit

Kann Sport süchtig machen?

Hat jemand, der exzessiv Sport treibt, eine Verhaltenssucht? Es ist bislang kein Krankheitsbild, doch es gibt Hinweise, dass so etwas wie eine „Sportsucht“ existiert.

Von Elke Oberhofer

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Laufen hebt bei einigen Sportlern

© Brian Jackson / stock.adobe.com

BASEL. Der Tag beginnt mit Liegestützen, vor der Arbeit 20 Kilometer Fahrradfahren und am Abend noch 10 Kilometer Laufen. Wer täglich so ein Pensum absolviert, muss ein Suchtproblem haben – oder etwa doch nicht?

Während Schlagzeilen in der allgemeinen Presse („Wenn Sport zur Sucht wird“; „Sportsucht: Wie gefährdet sind Sie?“) seit Jahren die Existenz der Sportsucht suggerieren, mögen sich Forscher in diesem Punkt noch keineswegs festlegen.

Dr. Flora Colledge vom Department für Sport, Bewegung und Gesundheit der Uni Basel zufolge fehlen für das postulierte Phänomen der Bewegungssucht immer noch klare diagnostische Kriterien.

Berichte über „Personen, die sich viel bewegen und psychische Probleme haben“ fänden sich zwar auch in der medizinischen Fachliteratur; dabei sei jedoch noch nicht geklärt, ob es sich wirklich um eine Verhaltenssucht handle oder vielmehr um eine Art Zwangsstörung. Auch Essstörungen wie Anorexie oder Bulimie gehen oft mit exzessivem Bewegungsdrang einher; entsprechend schwierig ist die Abgrenzung.

Fragebögen wenig trennscharf

Um herauszufinden, wie hoch der Anteil der möglicherweise Bewegungssucht-gefährdeten Personen in der Bevölkerung ist, wird in Studien in der Regel mit Fragebögen gearbeitet. Diese seien in vielen Fällen aber „nicht sehr trennscharf“, so die Sportwissenschaftlerin.

Paradebeispiel sei das Exercise Addiction Inventory. Hier sollen Aussagen beurteilt werden wie: „Ich nutze den Sport als Mittel, um meine Stimmung zu verbessern.“ Oder: „Im Lauf der Zeit hat sich mein tägliches Sportpensum gesteigert.“

Für die Triathletin Colledge, die selbst schon an Extrem-Wettkämpfen wie dem „Swissman“ teilgenommen hat, scheint es „sehr fragwürdig“, ob man damit „zwischen begeisterten Hobbysportlern, Profisportlern und Personen mit psychischen Störungen differenzieren“ könne.

Eine deutliche bessere Diskriminierungsfähigkeit schreibt sie der Exercise Dependence Scale zu: Hier wird zum Beispiel auch danach gefragt, ob die betroffene Person sich wünscht, aufhören zu können (siehe Kasten).

Exercise Dependence Scale (ausgewählte Kriterien)

Deutsche Version der Fragen nach Eur J Psychol Assessment 2013; 29 (3): 213–219

  • Ich treibe Sport, weil ich das Gefühl der Gereiztheit vermeiden will.
  • Ich treibe Sport, um Angstgefühle zu vermeiden.
  • Ich treibe Sport, um Spannungsgefühle zu vermeiden.
  • Ich treibe Sport, obwohl ich immer wieder körperliche Beschwerden habe.
  • Ich treibe Sport, wenn ich Verletzungen habe. Es gelingt mir nicht, die Dauer meiner sportlichen Aktivitäten zu verkürzen.
  • Ich treibe lieber Sport, als Zeit mit meiner Familie/meinen Freunden zu verbringen.
  • Ich denke an Sport, wenn ich mich eigentlich auf die Schule/ Arbeit konzentrieren sollte.
  • Ich verbringe den größten Teil meiner Freizeit mit Sport.
  • Ich treibe länger Sport, als ich mir vorgenommen habe.

Immerhin: In einer Metaanalyse über zahlreiche Fallstudien und qualitative Studien zur Bewegungssucht konnte Colledge mit ihrem Team „bis auf eine Ausnahme alle DSM-5-Kriterien für substanzgebundene Süchte darstellen“.

Parallelen gab es nicht nur bei riskanten Sportarten wie Free Solo (einer extremen Form des ungesicherten Kletterns) oder Base-Jumping, sondern auch im Bereich Ausdauer oder Fitness. Andere Charakteristika wiederum passten nicht ins Suchtschema, zum Beispiel das Akzeptieren strenger Rituale oder das schlechte Gewissen, wenn das tägliche Sportpensum nicht absolviert wird.

Aktivitäten in Belohnungsarealen

Bisherige Ergebnisse aus physiologischen Studien helfen nach Colledge kaum weiter. In zwei Studien ließen sich zwar mithilfe der funktionellen MRT (fMRT) Aktivitäten in Belohnungsarealen im Gehirn nachweisen, wenn man den Probanden bewegungsbezogene Stimuli vor Augen führte. Dies war in einer dritten Studie jedoch nicht der Fall.

In keiner Studie ließ sich zudem eine Aktivierung im Nucleus accumbens nachweisen; die Struktur spielt eine maßgebliche Rolle bei der Entstehung von Sucht.

Entsprechend zurückhaltend fällt das Fazit der Forscherin bisher aus: „Es könnte Evidenz für die Suchthaftigkeit von Bewegung geben“, so Colledge. Dabei müsse man möglicherweise auch bewegungsspezifische Symptome berücksichtigen.

Neue Studie mit 240 Personen

In Basel sowie an der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport ist jetzt eine Studie angelaufen, in der sowohl psychische als auch neuronale Parameter untersucht werden. Insgesamt 240 Personen sollen sich nach Wunsch der Forscher daran beteiligen. Voraussetzung: Die Probanden müssen sich mindestens sieben Stunden pro Woche sportlich betätigen, auch bei Krankheit und trotz Verletzungen.

Neben der Exercise Dependence Scale werden den Teilnehmern noch eine Reihe weiterer Fragebögen vorgelegt, mit denen unter anderem Ängste, Depressionen, kindliche Traumata sowie ADHS abgefragt werden. Teilnehmer, die einen bestimmten Schwellenwert überschreiten, sollen zum detaillierten klinischen Gespräch gebeten werden.

Den Abschluss bilden fMRT-Untersuchungen. Mit diesem umfassenden Programm erhofft sich Colledge, mehr über das umstrittene Phänomen der Bewegungssucht zu erfahren.

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