Ärzte Zeitung, 26.07.2004

HINTERGRUND

Selbstvertrauen, mehr Belastbarkeit im Streß - viele Sportler können von Sportpsychologen profitieren

Von Dirk Schnack

Hockey-Trainer Joachim Mahn beschreibt sein sportpsychologisches Erfolgsrezept ganz simpel: "Die Jungs glauben an sich, ich glaube an sie - und dann geht die Post ab." Die stattliche Titelsammlung des von ihm trainierten Clubs an der Alster scheint ihm Recht zu geben. Immerhin hat der Hamburger Verein so viele Pokale gewonnen, daß er von manchen auch als "FC Bayern des Hockey" bezeichnet wird.

"Der FC Bayern des Hockey": Die Hamburger Hockeymannschaft Club an der Alster siegt und siegt. Ihr Trainer arbeitet mit Psychologie. Foto: dpa

Mahn arbeitet mit psychologischen Strategien, allerdings betreibt er Psychologie aus dem Bauch heraus. Er hätte gerne professionelle Betreuung für sein Team, muß aber aus finanziellen Gründen verzichten. So wie dem Hockeyclub geht es vielen Spitzensportlern in Deutschland. Die Vereins- und Verbandsbudgets erlauben die Bezahlung von Trainern, Mannschaftsärzten und Physiotherapeuten - für Sportpsychologen aber fehlt das Geld.

Sportpsychologen werden oft erst in Krisen hinzugezogen

Über Sportpsychologie wird zur Zeit heftig diskutiert. Was können Sportpsychologen leisten? Der Sportpsychologe Professor Martin Schweer von der Hochschule Vechta hat bei einer Diskussionsrunde im Olympiastützpunkt Hamburg-Schleswig-Holstein die Fahne hochgehalten. Allerdings kritisiert er, daß die meisten Sportler erst in Krisensituationen psychologische Unterstützung erhalten. Für ihn unverständlich - denn in Medizin, Ernährung und anderen vergleichbar wichtigen Bereichen verzichten die Sportler schließlich auch nicht auf professionelle Begleitung. Sondern Schweer hält eine kontinuierliche Betreuung, die schon früh in der Karriere des Sportlers beginnt, für sinnvoll. Damit könne etwa das Selbstvertrauen und die Belastbarkeit in Streßsituationen - für Tennisspieler etwa vor dem Matchball - gestärkt werden.

Wie wichtig Psychologie in solchen Streßsituationen im Sport sein kann, verdeutlichte Schweer am Beispiel der Tennisspielerin Jana Novotna. Sie galt zu Zeiten von Steffi Graf als eine der besten Spielerinnen der Welt, die beim Rasenturnier in Wimbledon groß auftrumpfte - und in Finalspielen regelmäßig versagte. "Eindeutig eine Kopfsache", meint Schweer.

Allgemein jedoch sind Tennisspieler eher aufgeschlossen gegenüber Sportpsychologen, was auch an den vergleichbar guten Verdienstmöglichkeiten in dieser Sportart liegt, vermutet der Psychologe. Für einen Tennisspieler in den Top 100 ist ein Sportpsychologe eher erschwinglich als für einen Hockeyverein. Größere Vorbehalte hat Schweer dagegen beim Boxen oder beim Fußball ausgemacht. Hier werden Psychologen von Trainern oder Funktionären nicht selten mit dem Hinweis "Meine Jungs sind nicht verrückt!" zurückgewiesen.

Warnung vor Scharlatanen und Motivationsgurus

Auch Leichtathletik-Trainer Jürgen Krempin hält eine psychologische Unterstützung für seinen Schützling Ingo Schultz derzeit nicht für erforderlich. Allerdings zählt Krempin den 400-Meter-Läufer zu den wenigen Sportlern, die mental stark genug sind, um sich vor entscheidenden Wettkämpfen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. "Ingo hat bei Saisonhöhepunkten vom Kopf her noch nie versagt", begründete Krempin den Verzicht.

Bei anderen Leichtathleten dagegen hält Krempin sportpsychologische Unterstützung für sinnvoll. Auf 70 Prozent schätzt er den Anteil der Athleten, die von einer solchen Betreuung profitieren könnten: "Wie soll ein Athlet bei einem Top-Ereignis Spitzenleistung bringen, wenn er die Nacht davor vor Aufregung nicht geschlafen hat."

Schweer bestätigte: Je enger die Leistungsdichte, um so mehr entscheide sich ein Wettkampf im Kopf - und dann seien Sportler mit kontinuierlicher psychologischer Betreuung im Vorteil.

Ärgerlich findet Schweer, daß es auf dem Gebiet so viele unseriöse Anbieter gibt. Um nicht auf vermeintliche Motivationsgurus mit unwissenschaftlichen Methoden hereinzufallen, sollten Sportler sich die Qualifikation der Psychologen zeigen lassen, forderte Schweer: "Mindestens ein Diplom sollten solche Leute haben." Im Olympiastützpunkt Hamburg-Schleswig-Holstein verweist man bei Anfragen auf das Netzwerk Sportpsychologie (www.netzwerk-sportpsychologie.de).

Doch auch mit Diplom läßt sich der Erfolg nicht immer programmieren. So berichtet Hockeytrainer Mahn von einem zwischenzeitlich eingesetzten Psychologen, der keinen Draht zur Mannschaft fand. Nachdem die Zusammenarbeit aufgekündigt war, gewann seine Mannschaft alle entscheidenden Spiele. Professionelle Sportpsychologen sind eben auch nicht immer der Weisheit letzter Schluß.

FAZIT

Eine professionelle psychologische Betreuung ist - anders als etwa Medizin, Physiotherapie oder Ernährungsberatung - bei Spitzensportlern noch längst keine Selbstverständlichkeit. Experten wie der Sportpsychologe Professor Martin Schweer aus Vechta halten eine kontinuierliche psychologische Betreuung aber für um so wichtiger, je enger die Leistungsdichte in der Sportart ist. Außer finanziellen Gründen verhindert häufig auch mangelnde Aufgeschlossenheit von Trainern und Funktionären den Einsatz von Sportpsychologen. Vorbehalte gibt es besonders beim Fußball und beim Boxen. (di)

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