Ärzte Zeitung, 04.08.2004

Schuldig oder nicht? Auch im Film bleibt vieles offen

Die ARD zeigt heute abend ein TV-Drama über den Dopingfall Dieter Baumann, bekannt als die "Zahnpasta-Affäre"

STUTTGART (dpa). Die Doping-Affäre um Dieter Baumann, die wie kaum eine andere im letzten Jahrzehnt den deutschen Sport beschäftigt hat, wird wieder aufgerollt - als Spielfilm im Fernsehen. Die ARD strahlt die "Zahnpasta-Affäre" unter dem Titel "Ich will laufen! Der Fall Dieter Baumann!" am heutigen Mittwoch um 20.15 Uhr aus.

Schauspieler Hans Werner Meyer (rechts) spielt in dem Film "Ich will laufen!" den 5000-Meter-Olympiasieger von 1992 Dieter Baumann (links). Foto: dpa

Auch Regisseur Diethard Klante hat wie erwartet nicht herausfinden können, ob der Langstreckenläufer nun gedopt hat oder Opfer einer Verschwörung geworden ist. Der Olympiasieger über 5000 Meter von 1992 kommt gut weg in dem eineinhalbstündigen Streifen. "Ich will nicht verleugnen, daß meine Sympathie bei Dieter Baumann lag und liegt", sagt Klante.

Baumann hat den Film bereits gesehen, "aber nur mit großer Überwindung. Er hat mich sehr mitgenommen - als wenn ich alles noch einmal erleben würde". Gespielt wird der 39jährige Tübinger vom gleichaltrigen Hans-Werner Meyer, der sich "mit dem echten Dieter Baumann intensiv beschäftigt" hat. Die beiden waren sogar zusammen laufen. Als Vorlage für das TV-Drama diente Baumanns Buch "Lebenslauf", Mayer hat sich zudem Videos von Wettkämpfen Baumanns angeschaut.

Nicht nur die Jubelposen des deutschen Rekordhalters imitiert der Schauspieler perfekt. Wie Meyer überzeugt auch Thomas Thieme als Helmut Digel. Der frühere Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) und heutige Vizepräsident des Weltverbandes IAAF spielt eine zentrale Rolle in dem Film - ebenso wie Isabelle Baumann.

Die Ehefrau und Trainerin des Sportstars wird von Sophie Rois, Österreicherin wie Isabelle Baumann, glänzend dargestellt: ehrgeizig, herb mitunter, aufgerieben am Ende durch den Kampf ihres Mannes um Glaubwürdigkeit und die Sorge um die zwei Kinder. "Ich hör’ auf", sagt sie eines Tages. "Aber ich bin unschuldig", sagt er. Baumann hat inzwischen eingeräumt, daß seine Ehe unter den juristischen Auseinandersetzungen gelitten hatte.

Regisseur Klante führte insgesamt über hundert Stunden Interviews, um Einzelheiten zu erfahren: mit dem Ehepaar Baumann, mit Digel, mit dem heutigen Verbandspräsidenten Clemens Prokop, mit dem wissenschaftlichen Gutachter Fritz Sörgel, mit FAZ-Redakteur Hans-Joachim Waldbröl sowie mit Stephane Franke.

Der frühere 10 000-Meter-Läufer wurde zeitweise ebenso wie DLV-Cheftrainer Bernd Schubert verdächtigt, Baumanns Zahnpasta mit Dopingmittel versetzt zu haben. Dafür gibt es bis heute keine Beweise, und deswegen wird Klante den beiden nicht gerecht, wenn er sie als naive und unsympathische Zeitgenossen zeigt.

Um den Fall Baumann in all seiner Komplexität zu verfilmen, hätte es wohl eines Zehnteilers bedurft. Aber auch in der Kürze der Sendezeit hätte der Regisseur zum Beispiel erwähnen können, daß Baumann auch vor ordentlichen Gerichten gescheitert ist.

Mitunter verschwimmt die Grenze zwischen Fiktion und Dokumentation - etwa wenn an Originalschauplätzen gedreht wird und ZDF-Reporter Wolf-Dieter Poschmann sich selbst spielt. Wissenschaftler Sörgel hält das Werk für "eine Vernarrung der Öffentlichkeit" und befürchtet gar: "Was unwidersprochen bleibt, kann zu Nachahmern führen."

So behält Dieter Baumann alias Hans-Werner Meyer bis zur letzten Sequenz die Opferrolle. Ebenso wie sein väterlicher Freund Digel, der in dem Film von Prokop aus seinem Amt getrieben wird und sich auch von seiner Frau Sabine nicht belehren lassen will. Sie hat nämlich größere Zweifel an Baumanns Unschuld und philosophiert über dessen Verhalten: "Manchmal ist die Wahrheit so unerträglich, daß man sie verdrängen muß, um weiterzuleben."

Digel ist "nicht begeistert" davon, daß er zur Prime Time als Filmfigur dienen darf. Das wird kaum einer von den Beteiligten sein, denn dazu hat der Fall zu tiefe Wunden gerissen. "Ich brauche keine neue Diskussion", sagt selbst Baumann vor der Premiere der SWR-Produktion. "Die Leute sollen einfach den Film als Film anschauen. Das genügt."

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