Ärzte Zeitung, 16.12.2004

"Können wir im nächsten Jahr Mama und Papa abhängen?"

Auf italienischen Pisten gilt ab Januar Helmpflicht für Kinder bis 14 Jahre / Der ehemalige Olympiasieger Gustav Thöni lädt nach Südtirol

Startklar für den ersten Skikurs: Die Fünflinge Daniel, Esther, Johannes, Silvana und Christian dürfen nur mit Helm auf die Piste. Fotos: krb

Von Bernd Krug

"Jetzt seht Ihr aus wie richtige Rennläufer", meint Gustav Thöni. Nacheinander bekommen Esther, Silvana, Christian, Daniel und Johannes einen Helm verpaßt, bevor ihre erste Skistunde beginnt.

Die Geschwister sind Fünflinge, gerade fünf Jahre alt geworden und stehen zum ersten mal im Leben auf Skiern. "Ab Januar darf bei uns in Italien der Skinachwuchs nicht mehr ‚oben ohne’ auf die Piste", erklärt Thöni. Dann gilt auf Italiens Pisten für Skizwerge und Kinder bis zum 14. Lebensjahr die Helmpflicht. So sollen bei Stürzen schwere Kopfverletzungen verhindert werden.

Goldmedaillengewinner begrüßt die Helmpflicht

Gustav Thöni, mehrfacher Weltcupsieger und Goldmedaillengewinner der Olympischen Spiele von Sapporo 1972 und Innsbruck 1976, unterstützt die neue Regelung. "So kann das Verletzungsrisiko gerade für Kinder nochmals erheblich reduziert werden", so der 53jährige, der seit drei Jahren Cheftrainer der italienischen Alpinen Ski-Nationalmannschaft ist. Aber immer wenn es sein Terminkalender erlaubt, kommt er nach Hause nach Südtirol, nach Trafoi an der Stilfserjochstraße.

Dort in dem kleinen Dorf auf 1570 Metern Höhe mit gerade mal hundert Einwohnern, einer Hand voll Bauernhöfen, vier Hotels und fünf Pensionen, betreiben die Thönis ihr Familienhotel "Bella Vista - Schöne Aussicht". Und die könnte kaum grandioser sein. Umrahmt von der Ortlergruppe, der Trafoier Eiswand und den drei Madatschspitzen sowie umgeben von 14 Dreitausendern, gilt Trafoi als Geheimtip für Familien mit kleinen Skianfängern.

Bei 40 neuen Helmen ist immer ein passender dabei

Für seine jungen Gäste hat Gustav Thöni schon mal 40 Helme in verschiedenen Größen angeschafft, damit die Eltern keine Helme kaufen müssen, die nach einem Jahr schon wieder nicht mehr richtig sitzen.

Gleich nach dem Ortsende versperrt ein hoher Schneehaufen auf der Staatsstraße die Weiterfahrt zum Stilfserjoch - bis Juni, wenn die Wintersperre aufgehoben wird. Jetzt im Winter ist hier die Welt zu Ende. Es gibt keinen Durchgangsverkehr. Nach Trafoi kommt dann nur, wer Ruhe und Abgeschiedenheit als Kontrast zum Alltag sucht.

Da können dann sogar Fünflingseltern ausspannen und auch mal ohne Kinder alleine auf die Piste. Und bis ins benachbarte Sulden (1900 Meter), wo Seilbahnen und Lifte im Skigebiet bei der Madritschhütte bis auf 3250 Meter reichen, ist es nur ein Katzensprung.

Nach einer Woche sind die Fünflinge der Familie Beutelspacher im Schneepflug schon wacker über die Hänge gekurvt. "So eine tolle Mannschaft wie euch habe ich noch nicht gehabt," meint Gustav Thöni zum Abschied. Und Johannes, einer der Fünflinge, will nur noch eines wissen: "Wenn du uns nächstes Jahr wieder trainierst, können wir dann bald Mama und Papa abhängen?"

Mit Helm könnten viele schwere Verletzungen vermieden werden

Wer für sein Kind einen Skihelm kauft, sollte unbedingt darauf achten, daß die Paßform exakt ist. Der Helm darf weder drücken noch wackeln.

Nach einer Studie des Instituts "Sicher Leben" verletzen sich jedes Jahr alleine in Österreich - trotz aller Sicherheitsvorkehrungen - etwa 6600 Kinder unter 15 Jahren beim Skifahren oder Snowboarden so schwer, daß sie in einem Krankenhaus behandelt werden müssen.

Etwa 17 Prozent der unter 15jährigen Wintersportler verletzen sich dabei am Kopf. Der Großteil dieser Kopfverletzungen sind Gehirnerschütterungen, gefolgt von Platzwunden und Gesichtsverletzungen. Je jünger die Kinder sind, umso öfter wird der Kopf in Mitleidenschaft gezogen.

Ein Grund: Bei Kindern ist der Kopf in Relation zum Körper größer als bei Erwachsenen. Etwa 85 Prozent aller schweren Schädel- und Gehirnverletzungen könnten durch Skihelme verhindert werden.

Wer einen eigenen Helm kaufen möchte, sollte vor allem darauf achten, daß die Paßform stimmt. Der Helm muß gut sitzen, darf nicht drücken oder wackeln. Er sollte auch mit einer Ski- oder Sonnenbrille bequem zu tragen sein. Optimalen Schutz bieten Hartplastikhelme der Norm EN 1077 (CE-Zeichen).

Ein Helm schützt nicht nur vor Kopfverletzungen, sondern auch vor Kälte und Wind. Nicht minder wichtig: Die Kinder sollten Spaß am Helm haben. Beim Kauf sollte man sie mitentscheiden lassen. "Toll, ihr seht jetzt aus wie die richtigen Ski-Asse im Fernsehen", könnte so ein Motivationsargument sein. (krb)

Einen Informationsfolder "Helm auf, gut drauf" mit nützlichen Tips für Kinder und Eltern gibt es kostenlos beim Institut "Sicher Leben" unter der Telefonnummer 0043/1/715-66-44-313.

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