Ärzte Zeitung, 11.03.2008

HINTERGRUND

Gendoping - Zukunftsmusik oder schon Alltag im Leistungssport?

Von Pete Smith

Wenn über die Zukunft des Leistungssports diskutiert wird, fällt immer häufiger ein Begriff, der als Gipfel möglicher Manipulationen gilt: Gendoping. Aber was ist damit genau gemeint? Ist Gendoping heute schon realisierbar? Oder ferne Zukunftsmusik? Mit diesen Fragen hat sich das Büro für Technikfolgenabschätzung (TAB) auf Initiative des Sportausschusses im Deutschen Bundestag befasst. Die Ergebnisse des Projekts "Gendoping" sollen morgen, Mittwoch, in einer öffentlichen Sitzung vorgestellt und diskutiert werden.

 Gendoping - Zukunftsmusik oder schon Alltag im Leistungssport?

Muskelaufbau - viele Bodybuilder konsumieren Wachstumshormone.

Foto: dpa

Unter Gendoping versteht man im engeren Sinn den missbräuchlichen Einsatz von gentherapeutischen Verfahren oder speziellen Prozeduren, die die Übertragung genetischer Informationen verändern. In einem sind sich die Experten einig: Sobald solche Verfahren verfügbar und praktikabel sind, werden sie auch zur Leistungsmanipulation im Spitzensport zur Anwendung kommen. Interessant sind hier vor allem zwei Verfahren: solche, die die rasche Produktion von Muskelmasse oder schnelleren Muskelfasern versprechen, und jene, die eine körpereigene Stimulation der Synthese von Hormonen wie Erythropoetin (EPO) verheißen.

Das Myostatin-Gen wirkt auf das Muskelwachstum

Immer wieder wird in diesem Zusammenhang zum Beispiel auf das Myostatin-Gen verwiesen. Myostatin (GDF-8) gehört zu den "transforming growth factors" und wirkt als negativer Regulator des Muskelwachstums. Bei der Rinderrasse "Belgian Blue" ist das Myostatin-Gen aufgrund verschiedener Mutationen defekt, diese Rinder haben im Vergleich zu anderen die doppelte Muskelmasse. Entsprechende Versuche im Labor haben gezeigt, dass man durch das Ausschalten des Myostatin-Gens auch bei Mäusen ein abnormes Muskelwachstum erzielt. Zwar lässt sich das Verfahren derzeit nicht auf den Menschen übertragen, es gilt aber als mögliche Option für künftige Leistungsmanipulationen.

Einen weiteren Ansatz für Gendoping verspricht der Insulin-like Growth Factor-I (IGF-I). IGF-I wird derzeit vor allem von Bodybuildern konsumiert. Im Tiermodell konnte nachgewiesen werden, dass durch eine intramuskuläre Injektion eines Plasmides, das die Info für humanes IGF-I trug, dieses in der Muskulatur exprimiert wurde. Allerdings ist das Risiko wie bei der Einschleusung des Myostatin-Gens enorm, da diese Wachstumsfaktoren beispielsweise auch das Wachstum hormonabhängiger Tumore regulieren.

Schließlich sind auch noch gentherapeutische Manipulationen denkbar, die eine körpereigene Stimulation der Synthese von EPO versprechen. Hier gibt es in der Forschung bereits vielversprechende Ansätze. Ob diese im Sport jedoch zur Anwendung kommen, ist fraglich, da sich schon jetzt einfache Nachweisverfahren abzeichnen.

Für den Transfer in die Körperzellen haben Wissenschaftler im Tierversuch verschiedene Verfahren erprobt. So lassen sich Gene direkt in einen Muskel injizieren, wobei ein Teil der Zellen die neue DNA aufnehmen würde. Diese Methode ist jedoch nicht sehr effektiv. Ein weiteres Verfahren beruht darauf, Viren als Genfähren zu benutzen. Nachteil dieser Methode ist jedoch, dass die viralen Genfähren über die Blutbahn auch an nicht dafür vorgesehene Stellen gelangen, ein Gen zum Muskelaufbau statt in die Skelettmuskulatur also auch im Herzmuskel landen könnte - mit unabsehbaren Folgen. Bei einem dritten Ansatz werden dem Patienten Zellen eines bestimmten Typs entnommen, im Labor mit dem gewünschten Gen ausgestattet und wieder in den Körper zurückgeführt.

Nebenwirkungen sind derzeit nicht kalkulierbar

Die Nebenwirkungen all dieser Verfahren sind zurzeit nicht kalkulierbar. Das TAB schätzt die Risiken hoch ein: "Wie auch bei der Gentherapie bestehen extreme Schwierigkeiten darin, dass das richtige Gen, der richtige Transkriptionsfaktor, der richtige RNA-Baustein, das richtige Protein in den richtigen Zellen oder im richtigen Organ, in der richtigen Menge und zum richtigen Zeitpunkt aktiviert, abgelesen, übertragen, übersetzt oder blockiert werden muss."

Noch scheint Gendoping also Zukunftsmusik zu sein, doch wann diese Zukunft beginnen könnte, darüber sind sich Experten uneins. Nicht umsonst hat die Welt-Anti-DopingAgentur WADA Gendoping längst in die Liste der verbotenen Substanzen und Methoden aufgenommen.

Prinzipiell, davon sind die Experten des Instituts für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule in Köln überzeugt, wird Gendoping durch analytische Verfahren nachweisbar sein. Ein Ansatz etwa wäre, jene Trägersubstanz zu identifizieren, mit deren Hilfe Gene in die DNA eingeschleust werden. Eine weitere Möglichkeit sehen die Biochemiker um Professor Wilhelm Schänzer darin, "wenn Referenzbereiche mit Grenzwerten für Hormone festgelegt würden, so dass ein Überschreiten der Limits durch eine genmanipulierte Stimulation der Hormonproduktion feststellbar wäre".

STICHWORT

Verbotsliste der Anti-Doping-Agentur

In der am 1. Januar dieses Jahres in Kraft getretenen neuen Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA heißt es unter Punkt "M3. Gene Doping" wörtlich: "Der nicht-therapeutische Einsatz von Zellen, Genen, genetischen Bestandteilen oder die Steuerung der Gen-Expression, die die Eigenschaft haben, die Leistung eines Athleten zu verbessern, ist verboten."

Verboten sind darüber hinaus unter dem Punkt "S2. Hormones and related Substances" Erythropoetin (EPO), Wachstumshormone (hGH), Insulin-like Growth Factors (zum Beispiel IGF-I) und Mechano Growth Factors (MGFs) . Aufgelistet unter "M1. Enhancement of Oxygen Transfer" sind zudem alle Manipulationsversuche, die unter dem Begriff "Blutdoping" zu subsumieren sind. (Smi)

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