Ärzte Zeitung, 30.10.2008

Epo-Doping funktioniert wohl anders als bisher gedacht

Mehr Hämoglobin - mehr Sauerstoff - mehr Leistung. So einfach funktioniert ErythropoetinDoping nicht, meinen zwei Sportmediziner.

Von Thomas Meißner

Die maximale Sauerstoffaufnahme korreliere bei gesunden Personen nicht oder nur schwach mit der Hämoglobin-Konzentration und dem Hämatokritwert, so die Professoren Dieter Böning aus Berlin und Norbert Maassen aus Hannover. Möglicherweise hätten die vorgeschriebenen Obergrenzen für Hb oder Hk bei Sportlern sogar einen unbeabsichtigten Effekt, nämlich dass Epo-Doper den optimalen Wert besser treffen, als wenn sie hemmungslos die hämatologischen Laborparameter in die Höhe treiben würden.

Äthiopische und kenianische Läufer und Läuferinnen gehören seit Jahren zu den schnellsten der Welt. Äthiopier leben seit Jahrtausenden in großer Höhe. Bei ihnen steigt der Hb im Hochland kaum an und sie sind trotzdem leistungsfähig. Auch bei Kenianern ändern sich die Hb-Konzentrationen kaum, egal ob sie sich in 2100 m Höhe befinden oder im Flachland. Kommt dagegen ein europäischer Sportler von seinem Höhentraining, finden sich regelmäßig abfallende Hb-Werte.

"Daher kann eine eventuelle Verbesserung ihrer Leistungsfähigkeit in Normoxie nicht mit dieser Größe zusammenhängen", argumentieren Böning und Maassen in der "Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin" (7-8, 2008, 175). Auch Ausdauertraining mit Zunahme der maximalen Sauerstoffaufnahme führe zu einer leichten Absenkung des Hb.

Epo verbessert die Sauerstoffabgabe an das Gewebe.

Zudem nützt ein gesteigerter Sauerstoffgehalt des Blutes nichts, wenn die Durchblutung abnimmt. Genau das passiert jedoch, wenn der optimale Hämatokrit überschritten wird: Die Viskosität des Blutes nimmt zu, und das Herz kann die zunehmende Pumpleistung nicht mehr aufbringen.

Wo der optimale Hk beim Menschen liegt, ist unbekannt. Er dürfte jedoch nach Ansicht von Böning und Maassen unter 50 Prozent liegen, vor allem wegen der im Vergleich zu Tieren, die für Leistungsvergleiche herangezogen werden, größeren Erythrozyten. Es sei denkbar, dass in der Evolution des Menschen ein suboptimaler Wert selektiert wurde, weil ansonsten das Thromboserisiko und damit die Sterbewahrscheinlichkeit größer sind, meinen die Sportmediziner.

Helfen also die Anti-Doping-Vorschriften mit Bezug auf hämatologische Grenzwerte indirekt den Dopern, weil das Sauerstoffangebot an die Muskulatur bei Hk-Werten über 50 bis 60 Prozent abnimmt? Zumindest sind es wohl andere Faktoren als die genannten Laborparameter, die beim Epo-Doping wirken:

  • Epo verbessert die Sauerstoffabgabe an das Gewebe. Das könnte den bei Ausbelastung stattfindenden Abfall der arteriellen O2-Sättigung verlangsamen.
  • Der Anteil junger Erythrozyten mit guten funktionellen Eigenschaften (Verformbarkeit, Enzymaktivität, Sauerstoffbindungskurve) erhöht sich. Nach Absetzen von Epo verschlechtert sich allerdings die Erythrozytenqualität wieder, und zwar innerhalb weniger Tage.
  • Die vasokonstriktorische Wirkung von Epo oder auch die erhöhte Hb-Konzentration könnte die Kreislauffüllung bessern. Langfristig fördert Epo die Gefäßbildung.
  • Epo schützt Erythrozyten gegen Radikale und das Hirn vor Hypoxie.

Nicht vergessen werden sollten auch ein gewisser Placeboeffekt sowie eine stimmungsaufhellende Wirkung, meinen Böning und Maassen.

Von diesen Erkenntnissen erhoffen sie sich einen gewissen Anti-Doping-Effekt. Denn die Zunahme der Hb-Konzentration sei eben nicht grundsätzlich leistungsfördernd, so Böning zur "Ärzte Zeitung". Und eine hohe Dosierung von Epo sei nicht nur gesundheitsschädlich, sondern könne die Leistung sogar mindern.

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