Ärzte Zeitung online, 11.08.2009

Täter, Opfer, Richter: DDR-Doping mit Langzeitwirkung

HAMBURG (dpa). Berliner Landgericht, 20. August 1998. Ein ganz normaler Spätsommertag in der Hauptstadt. Aber nicht für die 12. Große Strafkammer, schon gar nicht für die Betroffenen. Sekunden bevor Richter Jürgen Warnatsch schließlich das Urteil in dem Pilotprozess verkündet, erreicht die Spannungskurve ihren Höhepunkt: Erstmals werden Beteiligte am systematischen Staatsdoping im DDR-Sport schuldig gesprochen. Fast neun Jahre nach der politischen Wende folgen Worten und Papieren erste Taten.

Das Landgericht verhängt gegen die drei Angeklagten - zwei Sportärzte und ein früherer Trainer - Geldstrafen in Höhe von 7000 bis 27 000 Mark wegen Körperverletzung Minderjähriger beziehungsweise Beihilfe dazu.

Sportmedizinerin Dorit Rösler nimmt danach all ihren Mut zusammen und reicht der früheren Schwimmerin Karen König die Hand, "um sich wieder in die Augen sehen zu können". Doch mehr als eine symbolische Geste ist das nicht, schonungslose Aussprachen zwischen Tätern und Opfern hat es bis heute, elf Jahre nach dem Urteil, nicht einmal ansatzweise gegeben. Und damit auch keine Versöhnung. "Es hat bis heute nie wirklich eine Aufarbeitung gegeben, bei der Opfer und Täter mit einbezogen wurden", sagt Klaus Zöllig, Vorsitzender des Dopingopfer-Hilfevereins (DOH). Der DOH hat etwa 600 Opfer erfasst, etwa 200 von ihnen wurde Mitte 2006 ein "Schmerzensgeld" von jeweils 9250 Euro zugesprochen.

Professor Heinrich Reiter holt noch einmal den 100-seitigen Abschlussbericht der Anti-Doping-Kommission von Nationalem Olympischen Komitee (NOK) und Deutsche Sportbund (DSB) aus dem Schrank. Der langjährige Präsident des Bundessozialgerichtes in Kassel hat das siebenköpfige Expertengremium geleitet. "Wenn man die letzten 18 Jahre Revue passieren lässt, dann muss ich leider sagen: Es war wirklich so, dass wir 1991 die Hoffnung hatten, die Welt würde sich verbessern. Aber sie hat sich nicht verbessert", beklagt der 78- Jährige in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. "In der Zwischenzeit ist das Ganze ein Spiel wie Hase und Igel geworden: Es sind schon wieder neue Dopingmittel erfunden, bevor die entsprechenden Analysemöglichkeiten von der Wissenschaft da sind."

"Jetzt wird eine Menge Arbeit auf den Sport zukommen", erklärt damals Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Doch die Mühlen der Justiz mahlen langsam. "Lange Zeit ist überhaupt nichts geschehen. Nach der Wende war die Stimmung in den Verbänden doch: Go for Gold!", beklagt der renommierte Sportanwalt Michael Lehner (Heidelberg), Vize-Vorsitzender und Gründungsmitglied des DOH. "Die Politik hatte nach der Wende entschieden: Die Maueropfer sind viel schlimmer. Doping greifen wir nicht auf, das soll der Sport machen", erklärt der Jurist.

"Das Urteil ist vernünftig. Damit ist der erste Pflock in den Boden der Aufarbeitung getrieben worden", sagt der damalige Generalsekretär des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) für Deutschland, Heiner Henze, nach dem Pilotprozess. In der Tat gibt es im gleichen Jahr eine wahre Prozesslawine, doch Verurteilungen mit Geldstrafen sind die Regel. Oft wird das Verfahren gegen Zahlung einer Geldbuße eingestellt. Als letzter Angeklagter wird Ende 1998 der Sportarzt Bernd Pansold zu einer Geldstrafe von 14 400 Mark verurteilt.

Erst ein Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung ist der Höhepunkt der strafrechtlichen Aufarbeitung erreicht: Am 18. Juli 2000 werden der langjährige DDR-Sportchef Manfred Ewald und der als zentrale Figur des Staatsdopings mit angeklagte Sportarzt Manfred Höppner verurteilt. Nach 22 Verhandlungstagen steht das Urteil fest: 22 Monate Haft auf Bewährung für Ewald, 18 Monate auf Bewährung für Höppner. Beide hätten sich durch die heimliche Verabreichung von männlichen Hormonen sogar an minderjährige Sportler der Beihilfe zur Körperverletzung schuldig gemacht.

"Ich denke, der Richter hat eine ordentliche Arbeit gemacht", sagt Höppner. Ewald - einst Präsident des Deutschen Turn- und Sportbundes - verlässt das Kriminalgericht Moabit wortlos. In seiner selbstherrlichen Autobiografie "Ich war der Sport" überstrahlt der Glanz des Edelmetalls das Elend des Dopings. 160 Gold-, 153 Silber- und 141 Bronzemedaillen gewinnen DDR-Sportler unter seiner Regie bei Olympischen Spielen. Ewald stirbt im Oktober 2002 im Alter von 76 Jahren.

Großes Aufsehen erregt im März 2006 auch der Prozess gegen Thomas Springstein: Das Amtsgericht Magdeburg verurteilt den Leichtathletik-Trainer wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz in besonders schwerem Fall zu einem Jahr und vier Monaten auf Bewährung. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass Springstein der damals 16-jährigen Sprinterin Anne-Kathrin Elbe im Jahr 2004 ein Fläschchen mit einem Präparat gegeben hat, welches das Doping-Mittel Testosteron-Undecanoat enthielt.

Die Reiter-Kommission bekommt in ihrer halbjährigen Arbeit durch eine Fülle von Dokumenten und Aussagen ein lückenloses Bild vom staatlich verordneten, gelenkten und überwachten Doping: Die Regierung gab den Auftrag, das Forschungsinstitut in Leipzig schuf in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen die wissenschaftliche Grundlage, der Sportmedizinische Dienst sorgte für die Anwendung, das Doping-Kontrolllabor in Kreischa trug mit seinen vorauseilenden Tests dazu bei, dass nur "saubere" Athleten die DDR verlassen durften.

Dabei würde die ehemalige DDR-Leichtathletin Ines Geipel früheren Dopingtrainern durchaus eine zweite Chance geben. "Ich bin immer für eine Amnestie, wenn jemand klar macht, dass er einen Bruch vollzieht und öffentlich erklärt, dass er sein Tun verändert", meint die in Berlin lebende Literatur-Professorin und Buchautorin. "Ich bin für Amnestie, aber nicht für Amnesie." Um aber einen Schlussstrich zu ziehen, "müssen die sich endlich mal bei den Athleten entschuldigen", fordert die frühere Weltklasse-Sprinterin von den belasteten Trainern. "Die haben Menschen geschädigt."

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