Ärzte Zeitung, 23.11.2007

HINTERGRUND

Contergan-Entschädigung bleibt Thema in Großbritannien

Von Arndt Striegler

In Großbritannien beobachtet man die aktuellen Diskussionen in Deutschland rund um das Thema Contergan mit großem Interesse. Verbände der contergan-geschädigten Patienten, darunter die Organisationen "Thalidomide UK" und "The Thalidomide Trust" (TT), wiesen in London darauf hin, dass die britischen Contergan-Hersteller in den vergangenen Jahren mehrfach ihre finanziellen Leistungen an die Opfer erhöht hätten.

Contergan wurde laut TT in Großbritannien zwischen April 1958 und Dezember 1961 verschrieben. Rund 12 000 Babys wurden als Folge von Contergan mit Schädigungen geboren, rund 5000 davon haben bis heute überlebt. Das Arzneimittel wurde in Großbritannien im Dezember 1961 vom Markt genommen. Allerdings dauerte es bis zum Mai 1962, bis die Londoner Regierung offiziell vor den Gefahren des Medikaments warnte. TT unterstützt derzeit in Großbritannien nach eigenen Angaben 461 Patienten im Alter zwischen 45 und 48 Jahren.

Britische Medien berichteten in jüngster Zeit ausführlich über den ARD-Zweiteiler "Contergan". Die Tageszeitung "Times" bezeichnete den Film als "eine der kontroversesten Sendungen in der deutschen Fernsehgeschichte".

Dagegen findet die Meldung, dass eine britische Opfergruppe rund um den Unternehmer Nicholas Dobrik angeblich "einen weltweiten Entschädigungsfonds in Milliardenhöhe" für geschädigte Patienten erzwingen wolle, in den Publikumsmedien bislang kaum Beachtung.

Die Situation im Königreich wird nach Einschätzung eines Sprechers des "Thalidomide Trust" dennoch zunehmend "vom Willen zur Konfrontation" gekennzeichnet. Immer wieder habe man in den vergangenen Jahren zwar in Gesprächen und Verhandlungen mit dem Contergan-Hersteller "Diageo" eine finanzielle Besserstellung der Contergan-Geschädigten erreicht. "Die britischen Contergan-Überlebenden haben aber erkannt, dass ihnen die Zeit wegläuft." Deshalb unterstützen sie die neue Kampagne rund um Nicholas Dobrik.

Betroffene fordern einen zusätzlichen Fonds.

Wie TT-Direktor Dr. Martin Johnson im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" in London sagte, schwebe der britischen Gruppe rund um Dobrik ein zusätzlicher Entschädigungsfonds von "zwischen zwei und drei Milliarden Pfund (rund drei bis 4,5 Milliarden Euro) vor.

"Das ist angemessen und reflektiert die Tatsache, dass viele geschädigte Patienten nicht länger arbeiten können, weil sie zu krank sind." Laut TT werden derzeit bis zum Jahr 2037 jährlich 6,5 Millionen Pfund (umgerechnet rund zehn Millionen Euro) in den entsprechenden Contergan-Entschädigungsfonds eingezahlt. Aus diesem von "Diageo" gespeisten Fonds werden die im Königreich lebenden contergan-geschädigten Patienten bedient.

Bis 2005 hatte das Unternehmen jährlich 2,8 Millionen Pfund (rund 4,5 Millionen Euro) in den Fonds eingezahlt. Außerdem wurden im Jahr 2005 einmalig 4,4 Millionen Pfund (rund 6,2 Millionen Euro)überwiesen.

Beobachter im Königreich weisen darauf hin, dass sich die Briten in den vergangenen fünf Jahrzehnten immer wieder zum weltweiten Vorreiter in Sachen Entschädigung eingesetzt hätten. Nur so habe man viel für die Überlebenden erreicht, so Dr. Johnson.

Allerdings müsse auch gesagt werden, dass "Diageo" die Arbeit der Contergan-Stiftung seit 1973 "nach Kräften" unterstütze. Als "Diageo"-Chairman Lord Blyth sich im Jahr 2005 öffentlich bei den geschädigten Patienten und deren Angehörigen entschuldigte, sorgte das landesweit für Schlagzeilen. "Die Thalidomide-Tragödie tut uns sehr leid", hatte Lord Blythe klargestellt.

Protestzug in Berlin

Mit einem Protestzug wollen Contergangeschädigte in Deutschland am kommenden Sonntag (25. November, 13.00 Uhr) in Berlin auf ihr Schicksal aufmerksam machen und mehr finanzielle Unterstützung einfordern.

Die Versorgung der Thalidomid (Contergan®) -Opfer durch Entschädigungen sei unzureichend, sagte eine Sprecherin des Bundesverbandes Contergangeschädigter. Politiker müssten helfen, eine "umgehende und angemessene Lösung" zu finden. Am Reichstag sei eine Schweigeminute geplant. Anschließend würden die Namen von Contergan-Toten verlesen. Die Route sei symbolisch gewählt, hieß es. Sie führe entlang bedeutender Orte bis zur politischen Führungsspitze Deutschlands.

Zur Erinnerung: Nachdem der Chef des Contergan-Herstellers Grünenthal Sebastian Wirtz ein Treffen mit Geschädigten angedeutet hat, pochen Interessenverbände nun verstärkt auf eine verbesserte Entschädigung von Betroffenen. (ddp)

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