Ärzte Zeitung, 03.07.2008

KOMMENTAR

Psychotherapie immer wieder in der Kritik

Von Wolfgang van den Bergh

Zehn Jahre Psychotherapeutengesetz und jeder fragt: Hat sich dadurch die Versorgungslandschaft verbessert? Zunächst einmal war der Schritt, psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten unter das Dach der KVen zu stellen, sinnvoll. Dadurch wurde erstmals transparent, wie viel Geld die Kassen für die Versorgung psychisch Kranker Jahr für Jahr ausgeben.

Doch bis heute bleibt völlig unklar, wie und ob Psychotherapie hilft. Allerhöchste Zeit die Versorgungsforschung in diesem Bereich voranzutreiben - wie übrigens seit Jahren immer wieder von vielen Vertretern der Psychotherapeutenverbände gefordert wird.

Gesundheitszustand hat sich kaum verbessert

Wie keine andere Berufsgruppe stehen Psychotherapeuten unter Beobachtung. Vor wenigen Monaten titelte die Gmünder Ersatzkasse, dass die ambulante Psychotherapie den Gesundheitszustand der Patienten nicht oder nur kaum verbessert. In Auftrag gegeben hatte die Kasse ein Gutachten beim Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung in Hannover.

Das Urteil der Gutachter war ernüchternd: "Nach den Auswertungen zeigen sich gegebenenfalls nur eher leichte und nicht durchgängig beobachtete Effekte auf die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen." Dass dieses Gutachten unter dem Vorsitz von Professor Friedrich-W. Schwartz erarbeitet wurde, der noch im Jahr 2000 die Psychotherapie zusammen mit Lifestyle-Arzneien aus der GKV verbannen wollte, ist nur ein pikanter Nebeneffekt. Fakt ist, dass aufgrund der schwachen Datenlage die Therapeutenverbänden bislang nur aus der Defensive argumentieren konnten.

Immer mehr Menschen werden psychisch krank

Die Zahlen zeichnen ein eher düsteres Bild: Psychische Erkrankungen sind die vierthäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit. Von 1997 bis 2006 haben solche Erkrankungen um 64 Prozent zugenommen. Und ihr Anteil an den Gesamtkosten wird auf 20 Prozent geschätzt. In einem Gutachten des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (Oktober 2007) wird darauf verwiesen, dass die Zahl der Patienten mit psychischen und psychiatrischen Erkrankungen bis zum Jahr 2030 drastisch steigen wird.

Höchste Zeit, sich jetzt mit der Versorgungssituation zu befassen. Nur auf der Grundlage verlässlicher und objektiver Daten kann die Versorgung künftig besser gesteuert werden. Hier darf auch der Bundesausschuss nicht länger tatenlos zusehen. Es kann nicht akzeptiert werden, dass die Streitigkeiten über die Effekte der Psychotherapie und die Bedarfsplanung auf dem Rücken derer ausgetragen werden, die keine Lobby haben. Und daher ist auch für eine große Geburtstagsfeier viel zu früh.

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