Ärzte Zeitung, 18.07.2008

HINTERGRUND

Wer dopt, spielt mit seinem Leben - dafür gibt es nicht nur im Radsport viele Beispiele

Von Pete Smith

Jesús Manzano dopte 2003 mit Oxyglobin, das kostete ihn fast das Leben.

Foto: dpa

Kaum ein anderer Sport ist so dopingverseucht wie der Radsport. Aus diesem Grund fährt auch bei der diesjährigen Tour de France wieder der Verdacht mit, einige der Teilnehmer könnten ihre Leistung mit Hilfe von Erythropoetin (EPO), Wachstumshormonen (HGH), Bluttransfusionen oder anderer unerlaubter Mittel und Methoden versuchen zu steigern. Ärzte und Experten befürchten jedoch weit Schlimmeres als den nächsten Dopingskandal: Sie warnen davor, dass die Risikobereitschaft mancher Berufsradfahrer zu weiteren Todesfällen führen kann.

Auf der Tour de France 2003 wäre es fast dazu gekommen. Der spanische Radprofi Jesús Manzano greift vor der ersten Bergetappe zu einem neuen Präparat - "Oxyglobin" - das soll wahre Wunder wirken und (noch) nicht nachweisbar sein. Mehr will Manzano gar nicht wissen.

Dass dieses Mittel bislang nur in der Tiermedizin eingesetzt worden ist, nämlich zur Behandlung von Hunden mit Anämie, dass es aus einer angereicherten Salzlösung aus RinderHämoglobin besteht und die Nebenwirkungen beim Menschen nicht abzuschätzen sind - das alles interessiert ihn nicht. Bis zum ersten steilen Anstieg. Plötzlich wird dem Spanier schwindelig, er kann nicht mehr geradeaus fahren.

Hunderte von Sportlern mit Dopingmitteln versorgt

Was weiter geschieht, bekommt er selbst gar nicht mit. "Ob ich hinfiel oder ob sie mich wegtrugen und wo sie mich hinbrachten, weiß ich nicht mehr", erzählt er später. Der Spanier hat Glück. Er überlebt sein Delirium. Als er kurze Zeit später seine Karriere beendet, packt er aus. Manzano ist es, der die "Operatión Puerto", die folgenschwere Dopingaffäre um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes, ins Rollen bringt. Fuentes hat Hunderte von Sportlern über Jahre mit Dopingsubstanzen versorgt. Nach Angaben von Manzano ist auch sein Landsmann Alejandro Valverde Kunde des Arztes gewesen. Valverde gilt als einer der Favoriten auf den diesjährigen Tour-Sieg.

In der Geschichte des Sports hat es immer wieder Todesfälle durch Doping gegeben, wie Privatdozent Christoph Raschka von der Helios St. Elisabeth Klinik in Hünfeld und Maxie Kohler vom Institut für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule Köln in der Zeitschrift "Rechtsmedizin" (18, 2008, 173 und 177) berichten.

Am 23. Juli 1896 fiel der erste Dopingtote vom Rad.

Vor allem der Radsport sticht hier hervor. So ist es kein Zufall, dass mit dem Engländer Arthur Linton ausgerechnet ein Radsportler als der erste Dopingtote der Geschichte gilt. Linton fiel am 23. Juli 1896 während der 600-Kilometer-Radsportfernfahrt von Bordeaux nach Paris tot vom Rad - angeblich unter Einfluss von Stimulanzien. 1949 und 1959 starben zwei italienische Radsportler, deren Namen nicht veröffentlicht wurden, nach Einnahme von Amphetaminen.

Stimulanzien gelten auch als Ursache, die zum Tod des Dänen Knud Erik Jensen führte, der beim olympischen Mannschaftszeitfahren 1960 nach einem Hitzschlag starb. Sieben Jahre später erlitt der englische Radprofi Tom Simpson während der Tour de France 1967 einen Herzstillstand und konnte nicht reanimiert werden. Später stellte sich heraus, dass auch er eine große Menge an Amphetaminen geschluckt hatte. Heute erinnert ein Gedenkstein am Mont Ventoux an Simpsons Tod.

Nachdem 1967 der Einsatz von Stimulanzien und Narkotika im Wettkampf verboten wurden, ging die Zahl der Todesfälle im Radsport zurück. Stattdessen fiel Schatten auf andere Sportdisziplinen, vor allem Kraftsportarten wie Bodybuilding, Kugelstoßen oder Hammerwerfen. In Folge des Konsums anabol-androgener Steroide sind in den 90-er Jahren einige prominente Kraftsportler gestorben, unter ihnen der frühere Hammerwerfer Uwe Beyer (1993), der österreichische Bodybuilder Andreas Münzer (1996) und der in den 70-er Jahren erfolgreiche Kugelstoßer Ralf Reichenbach (1998).

Seit den 90er Jahren verstärkt Peptidhormone im Einsatz

Für großes Aufsehen sorgte auch der Tod der deutschen Siebenkämpferin Birgit Dressel, die am 8. April 1987 an einem - so die offizielle Version - allergisch-toxischen Schock starb. Später ermittelten Experten, dass die Leichtathletin über einen langen Zeitraum Dutzende verschiedener Medikamente, darunter auch Anabolika, eingenommen hatte.

Seit den 90er Jahren kommen in Ausdauersportarten, so auch im Radsport, verstärkt Peptidhormone zum Einsatz. Deren zum Teil gefährliche Nebenwirkungen sind zwar hinreichend dokumentiert, trotzdem ist es im Einzelfall schwierig, eine Kausalität zwischen einem Todesfall und dem Konsum von HGH, EPO oder Insulin herzustellen. Bekannt ist etwa, dass die anhaltende und hoch dosierte Einnahme von HGH zu einem Wachstum der Akren und Organe, zu Herzschäden und zu Tumoren im Gastrointestinaltrakt führen kann. Der unkontrollierte Konsum von EPO erhöht die Thrombosegefahr und hat mitunter anaphylaktische Reaktionen sowie aplastische Anämien oder Herzinfarkt zur Folge.

Die größte Gefahr jedoch geht von einigen (noch) nicht zugelassenen, im Sport jedoch durchaus erprobten Präparaten aus. Auch hier nimmt der Radsport eine Vorreiterrolle ein.

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