Ärzte Zeitung, 05.09.2008

An der Ostseeküste schmieden Netze neue Ideen für mehr Gesundheit

Die Folgen des demografischen Wandels treffen Mecklenburg-Vorpommern und seine Gesundheitsregion Ostseeküste besonders hart. Für Resignation sorgt das aber nicht, im Gegenteil: Die Region will zur Ideenschmiede für eine wohnortnahe, qualitativ hochwertige und ökonomisch effiziente Versorgung werden.

Von Thomas Hommel

"Schwester Agnes" im Pilot-Einsatz: Eine speziell geschulte Fachkraft kontrolliert den Blutzuckerwert einer Patientin.

Foto: ddp

"Ostdeutschland", befand unlängst das Managermagazin "Capital", "ist ein demografisches Zukunftslabor". Weil seit der Wiedervereinigung 1990 deutlich weniger Kinder zur Welt kommen und viele, vor allem jüngere und Arbeit suchende Menschen wegziehen, schrumpfe und altere die Bevölkerung im Osten weitaus schneller als im Westen.

Für Mecklenburg-Vorpommern und die Gesundheitsregion Ostseeküste trifft der Befund auf jeden Fall zu. "Die Bevölkerung hier ist nahezu im Zeitraffer gealtert", sagt Professor Wolfgang Hoffmann, geschäftsführender Direktor des Instituts für Community Medicine an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität zu Greifswald. Etwa 21 Prozent der an der Ostseeküste lebenden Frauen und Männer sind heute älter als 65 Jahre, nur zehn Prozent jünger als 15 Jahre. "Dieser Trend setzt sich in Zukunft weiter fort", sagt Hoffmann.

Viele Ärzte scheiden aus

Bemerkbar macht sich die rasche Alterung auch unter den in der Region ansässigen Medizinern: Bis zum Jahr 2020 gehen rund 40 Prozent der niedergelassenen Hausärzte in den Ruhestand. Bei den Fachärzten sieht die Lage nicht viel anders aus. Egal, ob Gynäkologie, Urologie oder Pädiatrie - überall liegt der Wiederbesetzungsbedarf bei den entsprechenden Stellen bei 30 Prozent und darüber. Durch die demografischen Veränderungen in der Region steigt auch das Aufkommen von Patienten, die an altersbedingten Erkrankungen wie Myokardinfarkt (Männer +24 Prozent, Frauen +22), Krebs (+23 / +21) oder Demenz (+87 / +77) leiden.

Den Kopf in den Sand stecken möchte angesichts solcher Prognosen dennoch niemand. Man sieht sich vielmehr in der Vorreiterrolle. "In der Gesundheitsregion Ostseeküste können exemplarisch die Herausforderungen des demografischen Wandels untersucht und Lösungen entwickelt werden, von denen andere Regionen lernen können", betont Hoffmann - und verweist unter anderem auf die regionale Bevölkerungsstudie "Study of Health in Pommerania", kurz SHIP genannt.

Ziel von SHIP ist es, den Gesundheitszustand der Bevölkerung in der Region zu erheben und abzubilden. Seit 1995 werden in einem Abstand von fünf Jahren mehrere tausend Menschen in Vorpommern auf "Herz und Niere" hin untersucht. In Interviews geben die Studienteilnehmer zudem Auskunft über akute oder chronische Erkrankungen, sozialen Status, Gesundheitsverhalten und wie oft sie medizinische Hilfe in Anspruch nehmen.

Reger Betrieb am Strand: Das Ostseebad Ahlbeck auf der Insel Usedom zieht Jahr für Jahr Touristen aus ganz Deutschland an.

Foto: dpa

Mit Hilfe moderner Informationstechnik - die Greifswalder Forscher haben sich Experten von Siemens mit ins Boot geholt - werden die Daten in medizinisch nutzbares Wissen umgewandelt. Das Ziel: die Qualität der Gesundheitsversorgung in der Region erhöhen und die Kosten dafür zu senken.

Vernetzte Gesundheit

Die Ostseeküste zu einer Modellregion für eine wohnortnahe, qualitativ hochwertige Versorgung - sowohl für die eigene Bevölkerung als auch für ihre (Gesundheits-)Touristen - zu entwickeln, dieses Anliegen hat sich auch das Konsortium "HIC@RE - Vernetzte Gesundheit an der Ostseeküste" auf seine Fahnen geschrieben. HIC@RE verknüpft 58 Akteure aus Gesundheitswesen und Gesundheitswirtschaft sowie aus Tourismus, Technologie und Bildung. Bislang hat der Verbund 35 Teilprojekte mit einem Gesamtvolumen von 20 Millionen Euro auf den Weg gebracht - darunter auch das Kompetenznetz Orthopädie.

Rückenwind bekommen die Netzwerker an der Ostseeküste auch durch die Landesregierung, die seit Jahren schon auf das Zugpferd "Gesundheitswirtschaft" setzt und dafür einen "Masterplan 2010" entwickelt hat. Die Pläne sind ehrgeizig: "Mecklenburg-Vorpommern soll Gesundheitsland Nummer 1 in Deutschland werden", sagt Gesundheitsminister Erwin Sellering, der von seiner Partei als Nachfolger des scheidenden Ministerpräsidenten Harald Ringstorff (SPD) nominiert worden ist. Vorpommern wolle "erste Adresse für all diejenigen werden, die aktiv etwas für ihre Gesundheit tun wollen und dafür attraktive Angebote mit hoher Qualität suchen".

MV will Wissen exportieren

Der dafür geschaffene Werbeslogan "MV tut gut" soll auch für die Menschen gelten, die in Mecklenburg-Vorpommern heimisch sind. Als erstes Bundesland hat Mecklenburg-Vorpommern einen umfassenden Aktionsplan für Gesundheitsförderung und Prävention vorgelegt. Darin legen sich alle Ressorts der Landesregierung, die kommunalen Spitzenverbände und viele weitere Akteure aus allen Lebensbereichen auf gemeinsame Ziele und Strategien fest.

Wie Hoffmann sieht auch Sellering Mecklenburg-Vorpommern in einer Vorreiterrolle beim Thema demografischer Wandel. "Wenn uns innovative Lösungen gelingen, können wir später unser Fachwissen exportieren und davon profitieren." Eine wichtige Aufgabe sieht der Politiker darin, eine immer anspruchsvollere medizinische Versorgung mit immer weniger Ärzten vor Ort zu sichern. Modellprojekte wie die Telegesundheitsschwester AGNES, der Ausbau der Krankenhäuser zu Gesundheitszentren, aber auch die Stärkung und Weiterentwicklung des Hausarztsystems seien "gute Ansätze", diese Herausforderung zu meistern.

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"Gesundheitsregionen in Deutschland"

Folge 6:

Folge 5:

Folge 4:

Folge 3:

Folge 2:

Folge 1:

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