Ärzte Zeitung, 24.10.2008

Warum Ärzten die Medizin bitter schmeckt

Diesen Beruf nicht wieder - das sagt heute fast jeder dritte niedergelassene Mediziner. Zwei von drei Ärzten haben sich schon mit Fluchtgedanken ins Ausland getragen. Was sind die Gründe dafür, dass Ärzte ihren Beruf so bitter finden?

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Pessimismus überwiegt: Gut ein Drittel der niedergelassenen Ärzte sieht im Moment überhaupt keine positiven Einflüsse auf die Patientenversorgung.

Von Helmut Laschet

Chancen im Ausland? Gut zwei Drittel erwägen, jenseits der Grenzen zu arbeiten.

BERLIN. Arzt zu sein, ist immer noch ein Traumberuf. Ärzte haben eine interessante Tätigkeit, der Beruf erfüllt den Wunsch zu helfen - und er bringt gesellschaftliches Ansehen.

Das sagen nicht etwa diejenigen, die von diesem Beruf noch träumen - das sagen real existierende niedergelassene Ärzte. Empirisch in einer Repräsentativ-Umfrage von TNS Healthcare im Auftrag des NAV-Virchowbundes und des Verbandes Forschernder Arzneimittelhersteller nachgewiesen.

Doch der überaus positive Bewertung der Kernaufgabe von Ärzten widerspricht das Urteil über die Rahmenbedingungen, unter denen Ärzte derzeit arbeiten müssen. Diese Rahmenbedingungen sind ein Risiko für die Qualität der Patientenversorgung von morgen.

Drei Viertel der Ärzte sagen, die ambulante Versorgung von heute sei qualitativ gut oder sogar sehr gut. Dass dies in zehn Jahren noch so sein wird, glauben nur noch 23 Prozent. Nur drei Prozent sagen, die Versorgung sei heute schon schlecht - für die Versorgung des Jahres 2018 steigt der Anteil auf 34 Prozent. Das kommt einem Erdrutsch gleich.

Wenn Ärzte heute noch eine gute Versorgung machen, dann oft um den Preis der Selbstausbeutung: Burn out und Frustration nehmen zu, wie Dr. Klaus Bittmann, Vorsitzender des NAV-Virchowbundes, darlegt. 29 Prozent der heute niedergelassenen Ärzte würden ihren Beruf nicht mehr wählen. Das sind immerhin rund 36 000 Ärzte: Sie sind es, die Negativnachrichten über ihren Beruf verbreiten und potenziellen Nachwuchs damit auch abschrecken.

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Chancen im Ausland? Gut zwei Drittel erwägen, jenseits der Grenzen zu arbeiten.

Die schlechte Stimmung unter den niedergelassenen Ärzten scheint hausgemacht zu sein, ein deutsches Phänomen von Interventionen des Gesetzgebers und der ärztlichen Selbstverwaltung. Wie nur wenige Berufe haben Ärzte einen internationalen Arbeitsmarkt. 69 Prozent der befragten niedergelassenen Ärzte gaben an, sie hätten Überlegungen angestellt, ihren Beruf in einem anderen Land auszuüben. Unterversorgung in Großbritannien und Skandinavien, Karrierechancen in den USA, exzellente Honorierung in der Schweiz, die selbst viel zu wenig Ärzte ausbildet - das sind Optionen, die sich durchaus auch niedergelassenen Ärzten aus Deutschland als eine berufliche Alternative darstellen.

Fast 70 Prozent der niedergelassenen Ärzte haben schon daran gedacht, Deutschland den Rücken zu kehren. 85 Prozent nennen die deutsche Bürokratie als Beweggrund. Fast gleichauf mit 82 Prozent wird die Einkommenssituation genannt. Nach immerhin 16 Jahren der Budgetierung von Honoraren verwundert das nicht. Gut drei Viertel nennen die medizinische Versorgung und die Therapiefreiheit als Gründe, im Ausland besser arbeiten zu können. Leichteren Einsatz innovativer Arzneimittel geben 55 Prozent als Grund an - auch das ist noch eine Mehrheit.

Gesundheitspolitisch alarmierend ist, dass das Verhältnis von Zuversicht und Skepsis, von Chance und Risiko völlig außer Balance geraten ist. Gut ein Drittel der Ärzte erkennt derzeit überhaupt keine positiven Einflüsse auf die Patientenversorgung - trotz einer gigantischen Gesundheitsreform, mit der allein im kommenden Jahr 11,1 Milliarden Euro zusätzlich in die Patientenversorgung gepumpt werden.

Dass es mehr Leistungen für Patienten gibt, die Vergütungen für Ärzte und Pflegepersonal steigen - davon ist im Bewusstsein der Ärzte wenig angekommen.

Therapiefreiheit versus Kostendruck

Fast drei Viertel der niedergelassenen Ärzte glauben, dass die Therapiefreiheit nicht mehr ausreichend gewährleistet ist. Eine dramatische Verschlechterung der Gesundheitsversorgung ihrer Patienten wird erwartet. Die Ergebnisse einer Repräsentativumfrage im Auftrag des NAV-Virchowbundes und des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller werden am 4. November in Berlin diskutiert. Teilnehmer Jens Spahn (CDU-MdB), Cornelia Yzer (VFA), Dr. Klaus Bittmann (NAV), Dr. Wolfram Otto (Polikum Berlin) und Dr. Knud Gastmeier (Anästhesist in Potsdam).

Termin: 4.11.2008, 20 Uhr, Berlin, Akademie der Künste, Pariser Platz 4.

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