Ärzte Zeitung, 10.11.2008

"Bedarfsplanung liefert ein Zerrbild"

KV Schleswig-Holstein steht vor massiven Problemen, frei werdende Arztstellen neu zu besetzen

KIEL (di). Die KV Schleswig-Holstein muss in den kommenden Jahren viele Arztstellen neu besetzen. Allein 871 Hausärzte müssen bis 2015 gefunden werden, damit die Versorgungsdichte erhalten bleibt.

Laut Bedarfsplanung muss sich Schleswig-Holstein keine Sorgen machen: In den 13 Planungsbereichen im Norden existiert rein rechnerisch keine Unterversorgung.

Doch die Bedarfsplanung ist in ihrer jetzigen Berechnung nicht geeignet, die tatsächliche Situation vor Ort abzubilden, warnt Bianca Hartz von der KV Schleswig-Holstein. Grund ist die reine Gegenüberstellung von Arzt- und Bevölkerungszahl in der Bedarfsplanung. Diese vor Jahren festgelegte Relation hat nach Erfahrungen der KVSH viel zu viele gravierende Defizite.

"Die Bedarfsplanung liefert ein Zerrbild", kritisierte Hartz. Nach ihrer Ansicht muss die Bedarfsplanung um zwei Punkte ergänzt werden:

Bis 2015 müssen 871 Hausärzte gefunden werden.

Zum einen ist eine kleinräumigere Einteilung erforderlich: Innerhalb des Planungsbezirkes können Ärzte ihren Standort frei wählen. Das führt zu einer Ballung an den attraktiven Standorten. Selbst bei einer rechnerischen Überversorgung sind deshalb weite Teile eines Planungsbezirkes ohne Arzt.

Zum anderen muss das Alter der Bevölkerung berücksichtigt werden: Aktuell sind rund 750 000 Schleswig-Holsteiner älter als 60 Jahre. 2015 werden schon 833 000 Menschen dieser Altersgruppe angehören. Damit steigt der Behandlungsbedarf, was in der aktuellen Berechnung aber nicht berücksichtigt wird.

Wie prekär die Lage schon in wenigen Jahren im Norden sein kann, zeigen Hochrechnungen der KVSH. Danach werden von den heute niedergelassenen 1907 Hausärzten im Norden im Jahr 2015 nur noch 1036 aktiv sein - 871 Hausärzte müssten sich in den kommenden sieben Jahren also zu einer Praxisübernahme entschließen, damit die hausärztliche Versorgung nicht auf noch weniger Schultern verteilt wird. Im gleichen Zeitraum werden auch 131 Gynäkologen und 70 Augenärzte gesucht.

In einigen Regionen wie etwa Schleswig-Flensburg oder Neumünster, droht ein extremer Aderlass: In diesen Bezirken muss im genannten Zeitraum jede zweite Hausarztstelle neu besetzt werden.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Beginnt die MS im Dünndarm?

Im Dünndarm werden wohl "Schläfer-T-Zellen" aktiviert, die eine MS triggern. Jetzt sind Forscher auf der Suche nach dem Auslöser – und haben Keime im Verdacht. mehr »

Wie die Neurologie von der Flüchtlingskrise profitiert

Migranten sind für Europa eine Herausforderung, doch sie bringen auch neue Erkenntnisse: Mediziner können durch Zuwanderer erforschen, wie Gene und Umwelt mit neurologischen Krankheiten zusammenhängen. mehr »

Hausbesuche bringen wohl mehr Honorar

Beim GKV-Spitzenverband gilt als ausgemacht, dass die Ärzte für eine Ausweitung der Mindestsprechzeiten nur sparsam honoriert werden sollen. Das Honorarsystem soll keine Gelddruckmaschine für Ärzte sein. Eine Ausnahme könnte es geben: Hausbesuche. mehr »