Ärzte Zeitung, 04.12.2008

Immer mehr Ärzte sagen der Bundeswehr Adieu

Bundesverteidigungsminister Jung: Sanitätsdienst hat ein "Attraktivitätsproblem" / Kündigungswelle in Kliniken

BERLIN (fst). Die Führung der Bundeswehr hat erstmals einen wachsenden Ärztemangel in der Truppe zugegeben. Der Sanitätsdienst der Bundeswehr habe ein "Attraktivitätsproblem", sagte Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung.

Drei Soldaten bei einer Übung in einem Ambulanz-Zelt: Das Verteidigungsministerium meldet einen "sprunghaften Anstieg" der Kündigungen.

Foto: dpa

In einem Schreiben Jungs an die FDP-Verteidigungsexpertin Elke Hoff heißt es, aufgrund der für Ärzte günstigen Arbeitsmarktsituation habe sich "die Einkommensschere" zwischen zivil tätigen Klinikärzten und Sanitätsoffizieren in Bundeswehrkrankenhäusern "weiter geöffnet".

Hoff hat in einem Schreiben an Jung "schwerwiegende Missstände" im Sanitätsdienst beklagt. So hätten Ärzte "aus Frust über schlechte Arbeitsbedingungen und Gängelungen durch den Dienstherrn ihren Dienst quittiert". In einem "Sachstandsbericht" des Ministeriums an den Verteidigungsausschuss des Bundestags wird das dramatische Nachwuchsproblem im Sanitätsdienst erstmals eingeräumt.

Danach haben sich im Jahr 2007 nur noch 1497 Bewerber für eine ärztliche Karriere in der Bundeswehr interessiert, im Jahr zuvor waren es noch 2095. Dieser Rückgang um 29 Prozent habe sich im laufenden Jahr mit einem Bewerber-Minus von 20 Prozent fortgesetzt. Auch Seiteneinsteiger finden kaum zur Bundeswehr, heißt es in dem Bericht. Nur 26 Ärzte hätten bis Ende Oktober auf diesem Wege gewonnen werden können. Vor allem in "einsatzrelevanten" Fachgebieten -  etwa in der Chirurgie - sei das Bewerbungsinteresse gering.

Unterdessen wächst in den fünf Bundeswehrkrankenhäusern die Unzufriedenheit der Ärzte. Im laufenden Jahr hat es einen "sprunghaften Anstieg" bei "Personalverlusten" gegeben. 68 Ärzte hätten bis Ende Oktober auf eigene Initiative gekündigt, in zwei Drittel der Fälle handelte es sich um "junge Assistenzärzte". "Diese Kündigungen schränken die Patientenversorgung unmittelbar ein", heißt es. Dagegen hat Verteidigungsminister Jung erklärt, die "sanitätsdienstliche Versorgung unserer Soldaten ist gewährleistet".

In der Vergangenheit ist Kritik von Sanitätsoffizieren an ihren Arbeitsbedingungen "oft ignoriert worden", sagte gestern der neue Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, dem "Deutschlandfunk". Nun wird das Problem auch von der Ministeriumsspitze wahrgenommen. Sanitätsoffiziere, die als Fachärzte qualifiziert sind, erhalten eine neue Zulage von 600 Euro im Monat. Und: "Zukunftsweisende Vorschläge" soll eine "ministerielle Arbeitsgruppe" entwickeln, teilte Jung mit.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Das sind die Gewinner des Galenus-von-Pergamon-Preises 2017

Mit dem Galenus-von-Pergamon-Preis wurden erneut exzellente deutsche pharmakologische Grundlagenforschung und die Entwicklung innovativer Arzneimittel gekürt. mehr »

Angst vor Stürzen sorgt für Verzicht auf Antikoagulans

Ein erhöhtes Sturzrisiko ist noch immer der häufigste Grund, auf eine orale Antikoagulation bei Vorhofflimmern zu verzichten. mehr »

"Mehr Geld für Kranke, weniger für Gesunde"

Die Verteilungsregeln für den Finanzausgleich zwischen den Krankenkassen sollen deutlich verändert werden. Das hat ein Expertenkreis beim Bundesversicherungsamt jetzt vorgeschlagen. Die Meinung der Kassen ist geteilt. mehr »