Ärzte Zeitung, 22.04.2009

Biete Problemkinder, suche Praxis-Nachfolger

Sie leisten harte Arbeit für kranke Kinder an sozialen Brennpunkten großer Städte: Kinder- und Jugendärzte, die keine Privatpatienten, aber massive Probleme bei der Suche nach Praxis-Nachfolgern haben.

Von Marion Lisson

Biete Problemkinder, suche Praxis-Nachfolger

"Meine Praxis hat gefallen, meine finanziellen Aussichten nicht." Dr. Almut Rüter-Jungfleisch Kinderärztin, Mannheim Rheinau

Seit rund fünf Jahren bemüht sich Kinderärztin Dr. Almut Rüter-Jungfleisch um einen Praxisnachfolger - doch vergeblich. Ihre Kinderarztpraxis gilt als schwer vermittelbar. Der Grund: Sie liegt in Mannheim Rheinau. Privatpatienten gibt es hier keine. Stattdessen leben in den riesigen Mietshäusern sozial schlecht gestellte Menschen. Der Anteil an Ausländern ist erheblich, die Probleme der Kinder groß.

"Ich habe bestimmt schon 25 Kollegen angeschrieben, die per Anzeige eine Kinderarztpraxis gesucht haben", erzählt die Ärztin. Die Ausbeute war klein. Gerade einmal zwei Interessenten seien gekommen und hätten die Praxis, von der Kollegen sagen, sie habe schön gestaltete Räume, angeschaut. "Die Praxis an sich hat gefallen, doch die finanziellen Aussichten nicht", berichtet die Mannheimerin. Keiner sagte zu.

Die jungen Kollegen hätten schlichtweg Existenzangst, weiß die Ärztin, die selbst seit 34 Jahren hier tätig ist. Die Honorare der gesetzlichen Krankenkassen seien zu niedrig. Nur mit Kassenpatienten wirtschaftlich die Praxis über Wasser zu halten - das ginge einfach nicht mehr.

18 Jahre Basisarbeit

"Mannheim Rheinau hat sage und schreibe 26 000 Einwohner! Früher hätten sich junge Kollegen nach solch einer Praxis die Finger geleckt", sagt Kollege Dr. Rainer Bless. Seit 18 Jahren ist der Kinder- und Jugendarzt, der zudem Sozialpädiatrie anbietet, in der Mannheimer Innenstadt niedergelassen. Doch auch ihm ist bewusst. "Ohne Privatpatienten geht gar nichts mehr."

"Eine Pauschale von 31,70 Euro pro Kind und Quartal reicht einfach nicht aus", nennt Bless, der bei MEDI Mannheim mitwirkt, die konkreten Zahlen für kleine Kassenpatienten.

Zusatzprämien gefordert

Nach Berechnungen des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) wirft eine Praxis im sozial schwachen Viertel durchschnittlich etwa 40 Prozent weniger ab als in einem reicheren Stadtteil. Wolle man junge Mediziner ködern und die medizinische Versorgung in diesen Stadtteilen sichern, seien Zusatzprämien erforderlich, fordert man beim Berufsverband daher seit Jahren.

"Die kinderärztliche Versorgung in Problemvierteln muss zügig verbessert werden", sagt auch Dr. Dr. Thomas Fröhlich, Kinderarzt aus Bammental, einem Ort in der Nähe von Heidelberg. Gemeinsam mit Bless hat er jetzt im Rhein-Neckar-Kreis eine Arbeitsgruppe "Kinder in Sozialen Brennpunkten" gegründet. Beide hoffen auf eine rege Unterstützung der Kollegen. Gerade Stadtkinder - besonders solche aus sozial schwachem Milieu - seien häufiger chronisch krank und brauchten dringend eine wohnortnahe kinderärztliche Versorgung, warnen sie.

Das bestätigt auch eine Forsa-Studie im Auftrag der DAK und der Zeitschrift "Eltern". Danach leiden Kinder aus deutschen Großstädten grundsätzlich häufiger an chronischen Krankheiten als Kinder in kleineren Orten.

"Etwa jedes fünfte Kind in Deutschland lebt in oder am Rande der Armut", berichtete kürzlich BVKJ-Präsident Dr. Wolfram Hartmann in Berlin. Häufig hätten die meist arbeitslosen Eltern resigniert. Die Grundstimmung sei lethargisch, häufig bestünden bei den Jugendlichen Suchterkrankungen. Kinder- und Jugendärzte diagnostizierten immer wieder eine nicht altersgerechte Entwicklung der Sprache.

"Die Erfahrung zeigt zudem: je niedriger der Bildungsstand der Eltern, umso höher der Beratungsbedarf in den Praxen", so Bless. Das sei in den Fallpauschalen aber nicht berücksichtigt.

"Wichtiger Meilenstein"

Betrachte man die Honorarverhältnisse bundesweit, so sei in Baden-Württemberg und Bayern die Situation der Kinderärzte noch etwas besser, macht Kinderarzt und Medi-Mitglied Fröhlich in diesem Zusammenhang deutlich und verweist dabei auf den AOK-Hausarztvertrag. "Da Kinder in sozialen Brennpunkten in nicht geringer Zahl bei den Allgemeinen Ortskrankenkassen versichert sind, stellt der Vertrag einen wichtigen Meilenstein im Kampf für die bessere Versorgung von Kindern in sozialen Brennpunkten dar", wirbt er für das Modell. Die Kollegen sollten diese Chance nutzen.

Doch bislang sind in Baden-Württemberg nur wenige Kinderärzte beim AOK-Hausarztvertrag eingeschrieben. Viele kinderärztlich tätigen Mediziner - besonders solche aus den Reihen des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte - fürchten, dass eine Teilnahme an dem Hausärztevertrag auf lange Sicht die Eigenständigkeit der eigenen Berufsgruppe gefährden könne.

"Welche Strategie die richtige ist, wird uns die Zukunft weisen", bleibt Kinderarzt Bless zurückhaltend. Für ihn steht fest: Sollte nichts geschehen, würden Praxen in Brennpunkt-Stadtteilen bald verschwinden.

Soziale Brennpunkte bald ohne Pädiater?

Ob in Berlin-Neukölln, in Duisburg-Marxloh, in Mannheim Rheinau oder am Münchner Hasenbergl: Kinderärzte, die ihre Praxen in solchen Problemvierteln aufgebaut haben, finden keinen Nachfolger mehr.

Der Grund: Die Einnahmen - fast alle Kinder hier sind Kassenpatienten - reichen nicht aus, um die Praxen wirtschaftlich auf Dauer über Wasser zu halten. Privatpatienten gibt es in diesen sozialen Brennpunkgebieten jedoch nicht. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) macht seit Jahren auf dieses Problem aufmerksam.

Etwa die Hälfte der Pädiater, die sich jetzt noch um Kinder in Problemvierteln kümmerten, würden in den kommenden zehn Jahren in den Ruhestand gehen, erläuterte kürzlich auch BVKJ-Präsident Dr. Wolfram Hartmann in einem Interview. Sein Ausblick ist überaus skeptisch. Dass der Pädiater-Nachwuchs die dann leerstehenden Praxen übernimmt, hält Verbandschef Hartmann für wenig realistisch. (mm)

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