Ärzte Zeitung, 09.04.2009

Mehr Bürokratie durch den Fonds? Ministerium winkt ab

An den Grundprinzipien des Gesundheitsfonds wird sich auch nach der Bundestagswahl nicht viel ändern, erwartet Franz Knieps, Abteilungsleiter im Bundesgesundheitsministerium.

Von Ilse Schlingensiepen

Korrekturbedarf gibt es vor allem beim Zusatzbeitrag: Franz Knieps, Bundesgesundheitsministerium.

Foto:Euroforum

DORTMUND. "Wer realistisch denkt, wird sich nach der Wahl ansehen, was funktioniert und was nicht", sagte Knieps bei der Podiumsdiskussion "100 Tage Gesundheitsfonds" der Krankenkasse BIG in Dortmund.

Korrekturbedarf sieht Knieps vor allem bei der Begrenzung des Zusatzbeitrags der Krankenkassen auf ein Prozent des beitragspflichtigen Einkommens der Kassenmitglieder. Die Regelung sei Teil des Kompromisses von CDU/CSU und SPD gewesen. "Es war von vornherein klar, dass das nicht administrierbar ist."

Der Einzug des Zusatzbeitrags werde die Kassen generell vor organisatorische Probleme stellen. "Ich bezweifle aber, dass sich durch den Fonds ansonsten der bürokratische Aufwand erheblich erhöht", sagte er.

Knieps zeigte sich optimistisch, dass die neue Finanzierungssystematik den Druck auf die Krankenkassen erhöht, differenzierte Vertragsangebote zu entwickeln. Das Verhältnis zwischen Kollektiv- und Selektivverträgen müsse sich neu ordnen, die Einzelverträge dabei deutlich an Gewicht gewinnen. "Dagegen wird es Widerstand von Ärzten und Krankenhäusern geben, aber ich sehe keine Alternative." Auch der Dortmunder Ökonom Professor Wolfram Richter, der als einer der "Väter" des Gesundheitsfonds gilt, geht davon aus, dass die Krankenkassen bei der Entwicklung von Angeboten für ihre Versicherten sehr viel aktiver werden.

"Die Krankenkassen werden in Zukunft die Verantwortung für die Versorgung tragen müssen." Langfristig werden die gesetzlich Versicherten mehrere Verträge schließen: einen über die Grundversorgung und weitere für zusätzliche Angebote, die alles abdecken, das medizinisch nicht notwendig ist - dazu zählt Richter auch die freie Arztwahl. "Ich erwarte, dass die Kassen innovativ werden in der Gestaltung des Arzt-Patienten-Verhältnisses durch Tarife", sagte er.

Sowohl für die gesetzliche als auch für die private Krankenversicherung sei die große Zahl der Arztbesuche ein Problem, sagte der Vorstandsvorsitzende der Barmenia Krankenversicherung Dr. Josef Beutelmann. "Wir müssen dafür sorgen, dass die hohe Inanspruchnahme aufhört." Ziel müsse ein verantwortungsvoller Umgang mit Leistungen sein, forderte Beutelmann. "Wohlfühlmedizin gehört nicht in die gesetzliche Krankenversicherung."

Hohe Zahl der Arztbesuche ist für GKV und PKV ein Problem: Barmenia-Vorstand Josef Beutelmann.

Foto: Euroforum

Nach den Erfahrungen des Vorstandsvorsitzenden der BIG Frank Neumann nimmt der Wettbewerb unter den Bedingungen des Gesundheitsfonds bizarre Züge an. Die BIG musste ihren Beitragssatz durch den Fonds drastisch erhöhen. Inzwischen hätten viele Versicherte gekündigt. Neumann berichtete, er selbst habe einige Kunden angerufen, um sie nach den Gründen zu fragen. Dabei hätten Versicherte angegeben, dass andere Kassen ihren Besuch im Fitnessstudio bezuschussen. "Das ist wohl nicht der Qualitätswettbewerb, den man sich vorgestellt hat, dass Versichertengelder in Sportstudios wandern", kritisierte Neumann.

Beitragssatz für Bürger oft Buch mit sieben Siegeln

Nur 39 Prozent der gesetzlich Krankenversicherten wissen, dass der einheitliche Beitragssatz im Gesundheitsfonds 15,5 Prozent beträgt. 22 Prozent gehen von einem anderen Prozentsatz aus, 38 Prozent haben überhaupt keine Vorstellung.

Das zeigt eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Direktkrankenkasse BIG unter 1001 Personen ab 18 Jahren. Von ihnen geben lediglich 34 Prozent an, dass sie wissen, was der Gesundheitsfonds ist, bei 65 Prozent ist das nicht der Fall.

Von denen, die den Fonds kennen, gehen 90 Prozent davon aus, dass er die Finanzprobleme des Gesundheitssystems nicht lösen kann.

Von allen Befragten geben fünf Prozent an, dass sich das Leistungsangebot ihrer Krankenkasse seit Einführung des Fonds verbessert hat, zwölf Prozent sehen eine Verschlechterung und 69 Prozent können keinerlei Veränderung erkennen.(iss)

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