Ärzte Zeitung, 21.04.2009

Ehemalige Polit-Häftlinge leiden auch heute noch

Studie der Uni Leipzig zeigt: Wer in der DDR aus politischen Gründen inhaftiert war, hat häufig psychische und physische Störungen

DRESDEN (tra). Die psychischen Folgen, unter denen ehemalige politische Häftlinge der DDR heute noch leiden, werden nur schlecht aufgearbeitet. Das zeigt eine Studie des sozialmedizinischen Instituts der Universität Leipzig.

Viele der einstigen Polit-Häftlinge finden sich auch 20 Jahre nach dem Mauerfall nicht besonders gut im Alltag zurecht. Dazu kommt, dass sie den Glauben an eine bessere Zukunft verlieren. "Die gesellschaftlichen Bedingungen werden von Betroffenen als ungünstig für die Aufarbeitung erlebt", sagt Studienbetreuer Georg Weißflog.

Die Leipziger Sozialmediziner haben 1288 Personen schriftlich befragt, davon 156 (128 Männer und 28 Frauen) detailliert. Mit weiteren zehn Betroffenen wurden biografische Interviews geführt. Die Studie bezeichnet den Umgang mit den ehemals politisch Verfolgten als "sehr dunkle Stelle in der kollektiven psychischen Verfassung der neuen Republik" und zieht Parallelen zum Umgang mit Opfern des Nationalsozialismus. Ungeachtet aller Unterschiede zum Nationalsozialismus wiederhole sich doch die gesellschaftliche Verdrängung von Problemen zu Lasten der Opfer, resümieren die Leipziger Sozialmediziner.

Die Studienergebnisse ließen keinen Zweifel daran, dass die Art und Weise des gesellschaftlichen Umgangs mit den Opfern erheblichen Anteil an ihrer schlechten physischen und psychischen Verfassung habe. Wer zu DDR-Zeiten aus politischen Gründen im Gefängnis saß, leide viele Jahre körperlich und seelisch.

Die Studienteilnehmer berichten über posttraumatische Belastungsstörungen (Übererregbarkeit, Vermeidungsverhalten, plötzliches Erinnern traumatischer Erlebnisse), Angststörungen und Depressionen. Emotionale, kognitive und soziale Funktionen seien eingeschränkt. Auch chronische Erschöpfung, Übelkeit, Schmerzen und Schlafstörungen quälen viele ehemalige Polit-Häftlinge überdurchschnittlich häufig. Auf körperlicher Seite überwiegen gastrointestinale Erkrankungen. Therapien könnten die Störungen mildern, aber nicht beseitigen.

Ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen den gesundheitlichen Problemen und der Haft gibt, darüber sagt die Studie nichts aus.

Die Lebensqualität der ehemaligen politischen Häftlinge ist eingeschränkt. Vergleichsweise niedrige Renten wegen zerstörter Bildungs- und Berufschancen tragen dazu bei.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Mütter stellen früh die Weichen für Babys Gesundheit

Dicke Mutter = dickes Baby: Diese Gleichung geht oft auf - leider. Ernährungs-Experten tauschen sich daher auf einem Kongress über den frühen Einfluss der mütterlichen Ernährung u.a. auf das Diabetesrisiko des Kindes aus und geben Tipps. mehr »

Merkel beansprucht Führung weiter für sich

Drastische Einbußen, aber immer noch vorn: Die Wähler versetzen der Union einen Kinnhaken. Die große Koalition scheint passé. Auch die Umfrageteilnehmer der "Ärzte Zeitung" hatten bereits im Vorfeld eine neue "GroKo" abgelehnt. mehr »

Bei Dauerschmerz leidet auch das Gedächtnis

Wird der Geist träger, geht das zulasten von Lebensqualität und Unabhängigkeit. Eine US-Studie hat den Einfluss anhaltender Schmerzen auf Kognition und Demenzrisiko untersucht. mehr »