Ärzte Zeitung online, 30.04.2009

Apotheker wehren sich gegen Test-Bericht in "ZDF-Reporter"

NEU-ISENBURG (run). Apotheken-Tests gibt es derzeit zuhauf - und werden auch gerne publikumswirksam veröffentlicht. Getestet wird von Apothekern selbst, von Verbraucherschützern wie auch von selbsternannten Testern. Für Patienten wird es dabei zusehends schwierig zu differenzieren, welche Ergebnisse sachlich sind.

Erst vor kurzem gab es einen großen Zeitungsbeitrag in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", in der Apotheker für die Herausgabe verschreibungspflichtiger Arzneien ohne Rezept kritisiert wurden. Der Initiator dieser Testkäufe und sein Ziel blieben im Dunkeln. Jetzt folgte ein Beitrag im ZDF - "ZDF Reporter" am 23.4. und "Hallo Deutschland" am 27.4. Hier wurde von dem emeritierten Pharmakologen Jürgen Frölich unter anderem die Beratungsleistung von 30 Apotheken in Bremen und Niedersachsen ins Visier genommen. Mit nach seiner Interpretation "vernichtendem Gesamturteil".

Dieser Beitrag hat nun offensichtlich in der Apothekerführung das Fass zum Überlaufen gebracht und zieht nun größere Kreise. In einem offenen Brief an die ZDF-Leitung verlangen Dr. Ulrich Krötsch (BAK), Heinz-Günter Wolf (ABDA) und Fritz Becker (DAV) Richtigstellung einiger Aussagen. So trete die von Frölich behauptete Wechselwirkung zwischen den Wirkstoffen Metoprolol und Ranitidin, auf die angeblich kein Apotheker hingewiesen habe, in Wirklichkeit gar nicht auf. Daher werde sie auch nicht von der Apothekensoftware angezeigt. Korrekte Informationen seien indes leicht verfügbar gewesen. Jedoch sei auf eine Zweitmeinung verzichtet worden. Ebenfalls als falsch wird die Behauptung kritisiert, das apothekenpflichtige Migränemittel Formigran gebe es bereits in Drogerien. Solche inkorrekten Informationen würden nur das Vertrauen von Patienten in die Apotheker zerstören.

Die Gegenreaktion auf dieses Schreiben und die Kritik etlicher empörter Apotheker an das ZDF ließ nicht lange auf sich warten.

Die ZDF-Redakteure kontern in einer öffentlichen Stellungnahme, dass die pharmakologischen Aussagen im Beitrag auch von einem weiteren Pharmakologen, Professor Jürgen Brockmöller aus Göttingen, im Vorfeld ohne Einwände akzeptiert worden seien. Außerdem stehe schwarz auf weiß in einem Prospekt der Versandapotheke Vitalsana, das bei Schlecker ausliegt: "Man kann das Medikament Formigran in der Drogerie Schlecker bestellen und es sich wahlweise nach Hause schicken lassen oder es direkt bei Schlecker kaufen." Somit sei die Aussage im ZDF-Bericht "Das Migränemittel gebe es auch im Drogeriemarkt" korrekt.

Der feine Unterschied, den vermutlich kaum ein Zuschauer kennt: Kein Patient wird das Präparat in den Regalen der Drogerie finden, sondern er muss es - wie es die Regeln des Versandhandels mit Arzneimitteln vorsehen - über die Versandapotheke bestellen und kann es dann erst in einer kooperierenden Drogerie abholen.

Zur Interaktion, die wesentlicher Knackpunkt des Disputs ist, reagiert Frölich selbst in einem Schreiben mit dem Hinweis, dass die Interaktion in vitro und am Menschen gründlich untersucht worden sei. "Es zeigte sich, dass Ranitidin das wesentliche Enzym, welches Metoprolol abbaut, hemmt. Dadurch kommt es zu einer fast zweifachen Erhöhung der Plasmakonzentration von Metoprolol". Zur Bestätigung dieser Aussage wird auf drei Studien aus den Jahren 19982/83 und 85 verwiesen.

Wie der Nachrichtendienst "apothekeadhoc" allerdings hinweist, gibt es eine Publikation, die belegt, dass die Wechselwirkung nur bei der Kombination von Metoprolol mit Cimetidin, nicht aber mit Rantidin auftritt, und dass diese Ende der 80er Jahre publiziert wurde - also nach den von Frölich angeführten Publikationen.

Frölichs Kritik an der pharmakologischen Kompetenz der Apotheker und der Qualität ihrer Software ist möglicherweise nicht ganz uneigennützig. Schließlich ist er an einem Unternehmen für Arzneimittel-Software beteiligt (Atheso Arzneimittelsicherheit GmbH) und hat selbst das System TheraOpt entwickelt, mit dem bei Patienten in Kliniken unerwünschte Arzneimittelwirkungen verhindert werden sollen.

Der Schlagabtausch ist offensichtlich aber noch nicht beendet. Da Frölich und das ZDF weiter an ihren Aussagen festhalten, hat nun die ABDA Experten gebeten, die Literatur hinsichtlich der Wechselwirkung von Metoprolol und Ranitidin und ihrer klinischen Relevanz nochmals zu sichten. In Kürze sollen dann die Ergebnisse der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

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