Ärzte Zeitung online, 01.07.2009

Spielen, zocken, flippern - wann wird es zur Sucht?

Gesundheitsausschuss hört Experten zur Glücksspielsucht / Neue Wettangebote im Internet locken junge Spieler

BERLIN (fst). Spielen, bis der letzte Cent verbraucht ist: In Deutschland weisen bis zu 260 000 Menschen ein pathologisches Glücksspielverhalten auf, betonen Experten am Mittwoch bei einer Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestags.

Spielen, zocken, flippern - wann wird es zur Sucht?

Der GKV-Spitenverband fordert, den Zugang zu Geldspielautomaten zu begrenzen.

Foto: BilderBox

Gleichwohl ist die epidemiologische Studienlage bescheiden, schreibt die Bundesärztekammer in ihrer Stellungnahme, die der "Ärzte Zeitung" vorab vorlag. Zudem sind keine Aussagen darüber möglich, ob die Zahl der Betroffenen zugenommen hat. Nach Aussagen der Hauptstelle für Suchtfragen ist besonders die Wissensbasis über neue Wettangebote im Internet dünn. Dabei gehen die Experten davon aus, dass vor allem junge Glücksspieler für die vielen Wett- und Pokerangebote im Internet empfänglich sind.

Die Bundesärztekammer verweist auf Studien, nach denen Glücksspielsucht überdurchschnittlich häufig mit Alkohol- und Drogensucht, Nikotinabhängigkeit oder Persönlichkeitsstörungen einhergeht. Allerdings fehlten auch hier "konkrete Belege zum tatsächlichen Ausmaß der sozialen Kosten der Glücksspielsucht", schreibt Armin Koeppe von der Hauptstelle für Suchtfragen in seiner Stellungnahme.

Helfen kann aus Sicht des GKV-Spitzenverbandes vor allem die Verhältnisprävention, also veränderte Rahmenbedingungen für das Glücksspiel. Vor allem sollte der Zugang zu bislang flächendeckend verfügbaren Geldspielautomaten erschwert werden, fordert der Spitzenverband.

Das unterstützt Professor Manfred Beutel, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universität Mainz. Seinen Angaben zur Folge haben 50 Prozent der Patienten, die Hilfe bei der Ambulanz für Spielsucht an der Klinik suchen, ein pathologisches Glückspielverhalten an Geldspielautomaten. Diese Automaten, etwa in Gaststätten oder Spielhallen, sollten - anders als bisher - als Spiel im Sinne des Glücksspiel-Staatsvertrags gelten. Nur dann lasse sich dieser Markt besser kontrollieren und regulieren. Bislang sind die Umsätze der Geldspielautomaten-Branche stetig gewachsen: Das Plus betrug im Jahre 2007 über zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Die Grünen-Fraktion, die die Anhörung im Ausschuss gefordert hat, spricht sich für eine kohärente Präventionspolitik aus, die dem Suchtpotenzial der verschiedenen Spielformen gerecht wird: "Solche Regelungen wurden bislang zugunsten von fiskalischen und wirtschaftlichen Interessen mitunter vernachlässigt", heißt es im Grünen-Antrag.

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