Ärzte Zeitung, 07.09.2009

Ein klares Ja zur Integration - Skepsis gegenüber MVZ

Ein klares Ja zur Integration - Skepsis gegenüber MVZ

Die Gesundheitspolitik hat in den vergangenen Jahren neue Formen der Leistungserbringung initiiert, etwa Integrationsverträge oder MVZ. Wie stehen Ärzte dazu, wie könnten neue Organisationsformen weiterentwickelt werden?

Von Helmut Laschet

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Die Integrationsversorgung schafft Synergieeffekte - die Ärzte wollen ihr deshalb eine Zukunft geben.

BERLIN. Reformen im Gesundheitswesen brauchen, bis sie für den Patienten spürbar werden, mitunter sehr viel Zeit. Beispielsweise die Integrationsversorgung: Sie war das Kernstück der Gesundheitsreform 2000, aber viel zu kompliziert gestrickt für die Realität. Die Gesundheitsreform 2003 schuf einfachere Regelungen und stellte die Finanzierung sicher - 2004 entstanden die ersten, einfachen Verträge. Bis Ende letzten Jahres wurden es rund 6000.

Seit Jahresanfang schlägt die Stunde der Wahrheit für die Integrationsversorgung: die Anschubfinanzierung ist abgeschafft, Kassen müssen den Mut zu Investitionen aus eigener Kraft haben oder die IV-Verträge müssen wirtschaftlich sein.

Grundsätzlich sind die Ärzte optimistisch, was die weitere Entwicklung der Integrationsversorgung angeht. Wie aus der Repräsentativumfrage von LifeScience Consulting hervorgeht, geben die Ärzte der Integrationsversorgung durchaus eine Zukunft: Auf einer Skala von 1 (trifft gar nicht zu) bis 10 (trifft in hohem Maße zu) erreicht das Statement "Integrierte Versorgungsmodelle werden in der Anzahl weiter zunehmen" einen Wert von 7,26. Niedergelassene Ärzte sind dabei etwa optimistischer als ihre Kollegen in den Kliniken.

Mittlere Werte zwischen 5 und 6 erreichen Statements wie "Integrierte Versorgungsmodelle schaffen Synergien bezüglich Kosten und Qualität der Patientenversorgung" und sie "schaffen Verhandlungsspielraum bei den indikationsbezogenen Patienten-Budgets."

Propaganda gegen MVZs fiel auf fruchtbaren Boden

Alles in allem zeigt die Positionierung der Ärzte zur Integrationsversorgung, dass viele von ihnen sich auch als Motor von Reformen verstehen. Eine besonders aktive Rolle spielen dabei auch Ärztenetze, die inzwischen als offensive Anbieter komplexer flächendeckender Patientenversorgung den Kassen gegenübertreten.

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Ärzte erwarten, dass Patienten anspruchsvoller werden und dass sich ihre Bedürfnisse stärker ausdifferenzieren.

Ganz anders ist hingegen das Verhältnis der allermeisten Ärzte zu den Medizinischen Versorgungszentren. Die Skepsis, ja sogar die Abneigung gegen diese Form der Leistungserbringung dominiert. Obwohl der Anteil der MVZ an der ambulanten Versorgung mit wenigen tausend Ärzten erst drei bis vier Prozent erreicht, fürchten sowohl Ärzte in der Praxis wie auch in der Klinik diese als Konkurrenz. Obwohl 56 Prozent der MVZ in der Trägerschaft von Vertragsärzten laufen, glauben Ärzte in hohem Maße, dass MVZ von Klinikgruppen und privaten Krankenhausgesellschaften dominiert werden. Dabei sind kommunale und freigemeinnützige Kliniken im MVZ-Geschäft stärker engagiert als private. Befürchtet wird die Einschränkung des freien Arztberufs - nicht zuletzt durch das Engagement medizinfremder Investoren oder Kapitalgesellschaften, denen Rendite über alles geht.

Die Faktenlage ergibt keinen hinreichenden Grund für solche Ängste, wohl aber Propandafeldzüge von Ärzteorganisationen, etwa der Bundesärztekammer, die das Schreckgespenst der Ökonomisierung der Medizin an Wand malt, oder des bayerischen Hausärzteverbandes, der die Ärzte mit dem Bild vom Überfall der Heuschrecken in Schrecken versetzt.

Patienten fordern mehr Mitsprache ein

Mit Blick auf die so verängstigten Ärzte ist die Propaganda vor allem bei der Union auf fruchtbaren Boden gefallen. Sie will den Kreis der Träger von MVZ deutlich beschränken, was im Kern nichts anderes als ein Investitionsverbot ist.

Dabei wissen inzwischen viele Ärzte, dass sie ihre Arbeit neu organisieren müssen. Nicht nur weil Ärzte knapper werden und die Medizin immer komplizierter wird. Auch die Ansprüche der Patienten verändern sich, sie werden differenzierter. Das gilt nicht nur für den Service, beispielsweise kürzere Wartezeiten. Sondern auch, weil Patienten verbesserte Behandlungspfade und eine Nutzung von Synergien der verschiedenen Leistungserbringer erwarten. Ärzte stellen sich darauf ein, dass Patienten sich nicht nur passiv behandeln lassen wollen, sondern auch im Behandlungsprozess partnerschaftlich mitreden wollen. Das gilt natürlich vor allem dann, wenn Patienten verstärkt zu Selbstzahlern werden, etwa bei individuellen Gesundheitsleistungen.

Versucht man ein Fazit zu dieser Umfrage, dann kann dieses eigentlich nur lauten: Eine Revolution steht nicht an. Die Reformen der letzten Jahre haben Licht- und Schattenseiten produziert. Vor allem aber: Ärzte sind auch selbst zu Motoren von Reformen geworden. Ein Gutteil gestaltet aktiv die Zukunft.

Umfrage unter 585 Ärzten in Praxis und Klinik

"Ärzteschaft im Spannungsfeld von Markt, Politik und Pharmaindustrie" lautet der Titel der Repräsentativumfrage, die die LifeScience Consulting Group Ende 2008 auf eigene Initiative selbst finanziert gemacht hat. 585 Ärzte haben daran teilgenommen, 430 aus der ambulanten Medizin, 155 aus der Klinik. Die Umfrage ist damit repräsentativ. Unter den Antwortenden sind 200 Allgemeinärzte und 385 Fachärzte.

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