Ärzte Zeitung online, 27.08.2009

Uncoole Politik - Viele Junge sind Wahlmuffel

ALTENBURG/ERFURT (dpa). Glaubt man Altenburger Berufsschülern, dann ist Politik im Superwahljahr bei jungen Leuten so beliebt wie Akne oder Volksmusik. "Egal wen man wählt, es ändert sich sowieso nichts", sagt Nicole (20) und erntet dafür Kopfnicken in ihrer Klasse. Lisa mit grünen Strähnen im Haar meint: "Da werden doch nur große Sprüche geklopft." Die Frage, ob sie sich für Politik interessieren, beantworten 15 der 18 jungen Frauen mit "ganz und gar nicht".

Zur Landtagswahl am 30. August dürfen 135 000 junge Thüringer zum ersten Mal wählen. Noch hoffen die Parteien, dass viele von ihnen die Chance nutzen und nicht zu Hause bleiben.

Bei der Europawahl Anfang Juni hatten sich viele als Wahlmuffel gezeigt. Von den 18- bis 21-jährigen Thüringern gaben nur vier von zehn ihre Stimme ab (39,8 Prozent), bei den 21- bis 25-Jährigen war es nicht einmal jeder Dritte (31,8 Prozent). Von einem Alarmsignal sprach Landeswahlleiter Günter Krombholz angesichts der Zahlen, die eine Studie offenbarte. Insgesamt hatte die Wahlbeteiligung, bei der für die Untersuchung die Briefwähler nicht berücksichtigt werden konnten, bei 47,7 Prozent gelegen. Die Parteien müssten mehr tun, um junge Wähler anzusprechen, mahnte Krombholz.

Um Jungwähler an die Urnen zu bringen, setzen die Thüringer Parteien vor allem auf das Internet: Es wird gebloggt, getwittert, vernetzt und die Welt mittels kleiner Filmchen erklärt. So twitterte SPD-Spitzenkandidat Christoph Matschie jüngst: "Uff, ist das heiß heute. Liegt aber nicht nur am Wahlkampf." Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) berichtet derweil von seiner Wanderung mit Freunden im Nationalpark Hainich. Und Linke-Spitzenkandidat Bodo Ramelow schreibt online fleißig Tagebuch und twittert etwa über seinen Hund Attila. Das Ziel ist klar: Es soll menscheln.

Der Jenaer Politikwissenschaftler Markus Lang ist skeptisch, ob die Parteien junge Wähler auf diesem Weg erreichen. Keine der Thüringer Parteien habe auf einer der Sozialplattformen weit mehr als 500 Nutzer. Bei der CDU will er sogar schon wieder einen Rückgang der Internet-Aktivitäten beobachtet haben. Die Internetgefolgschaft der Spitzenkandidaten sei vergleichsweise gering. "Wenn im Wahlkampf offline die großen Themen fehlen, kann man auch nicht vom Internet einen Hype erwarten." Zwar beobachte er eine Wechselstimmung in Thüringen, doch durch das Lavieren von Linker und SPD in der Koalitionsfrage sei den Wählern unklar, wohin die Reise gehe.

Über das Internet sollen vor allem Menschen erreicht werden, die nicht zu klassischen Wahlkampfveranstaltungen kommen, sagt SPD-Landesgeschäftsführer Jochen Staschewski. Doch auch offline wird um die jungen Wähler gebuhlt. Die Junge Union versuche etwa mit geselligen Ausfahrten und Aktionen, bei denen es 50 Prozent um Spaß, 50 Prozent um Politik gehe, zu punkten, sagt CDU-Sprecher Heiko Senebald. Die Grünen setzen auf Wahlplakate im Comic-Stil.

Um junge Erwachsene für Politik zu begeistern, zieht derzeit das Erstwählerprojekt "Du hast die Wahl" durch Thüringer Schulen - eine Initiative der Landeszentrale für politische Bildung. Dabei erklären Studenten bis eine Woche vor der Bundestagswahl am 27. September unter anderem, dass politische Entscheidungen für jeden ganz persönlich Auswirkungen haben können. "Viele haben den Eindruck, dass Politik keinen Einfluss in ihrem Alltag hat", berichtet Politik-Student Hagen Grubitzsch (24). "Das kommt im Lehrplan der Schulen viel zu kurz."

Bei dem Projekt können die Berufsschüler auch mit Politikern diskutieren und ihre Fragen etwa zu Ausbildung, Schule und BAföG loswerden. Doch nicht alle sind am Ende überzeugt. "Ändern wird sich nichts großartig, die wollen doch nur vor den Wahlen gut dastehen", ist Lisa überzeugt. Doch immerhin will sie noch einmal darüber nachdenken, sich am 30. August vielleicht doch auf den Weg ins Wahllokal zu machen. Am Ende des Projekttages in Altenburg gaben immerhin fast 41 Prozent der Berufsschüler an, wählen zu wollen, gut 39 Prozent waren noch unentschlossen.

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