Ärzte Zeitung online, 12.11.2009

Schweinegrippe: Die Impfstrategie der Bundesregierung gerät in die Kritik

Schweinegrippe: Die Impfstrategie der Bundesregierung gerät in die Kritik

BERLIN (dpa). Die Kritik an der stockend verlaufenden Massenimpfung gegen die Schweinegrippe nimmt zu. Bemängelt wird vor allem mangelnder Impfschutz für Kinder und Schwangere.

Die SPD warf Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) zögerliches Vorgehen gegen die Engpässe vor. "Souveränes Krisenmanagement sieht anders aus", sagte SPD-Expertin Carola Reimann am Donnerstag im Bundestag. Das Spitzentreffen zur Massenimpfung vom Mittwoch hätte bereits vor zwei Wochen stattfinden müssen.

Kritik übte auch der Verband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ): "Man müsste Kinder gemeinsam mit systemrelevanten Gruppen vorziehen", forderte der BVKJ-Präsident Wolfram Hartmann, in der "Leipziger Volkszeitung". "Denn sie besuchen fast alle Gemeinschaftseinrichtungen", erläuterte er. "Die Impfstrategie der Bundesregierung ist medizinisch unzureichend, weil die Infektionen bevorzugt von Kindern ausgehen."

Die Grünen bemängelten die Planung für Schwangere. Dabei sei geschlampt worden, sagte Fraktionsvize Bärbel Höhn der "Saarbrücker Zeitung". Obwohl Schwangere nach der Empfehlung der Impfkommission zügig geimpft werden sollten, sei für diese Risikogruppe nun kein Serum verfügbar. Denn der für Schwangere empfohlene Impfstoff sei bisher in Deutschland nicht zugelassen. "Hektisch versucht man das jetzt nachzuholen."

Die Ständige Impfkommission hatte für Schwangere ein Serum ohne Wirkverstärker (Adjuvans) empfohlen. Das Robert-Koch-Institut betont, dass für Schwangere grundsätzlich auch eine Impfung mit dem Massenimpfstoff Pandemrix® infrage komme. Dies solle jedoch mit dem Arzt abgewogen werden. Deutschland will nun aber auch 150 000 Dosen eines Impfstoffs ohne Wirkverstärker bestellen. Der wird aber nicht vor Dezember verfügbar sein.

Thüringens Gesundheitsministerin Heike Taubert (SPD) ist zuversichtlich, dass die Impfdosen trotz Engpass reichen werden. Ab Dezember könne sich jeder impfen lassen, sagte die Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz im Sender MDR. Bis Ende des Jahres will der Hersteller GlaxoSmithKline 20 der insgesamt 50 Millionen bestellten Dosen des Serums Pandemrix® liefern. Das hatte das Unternehmen am Mittwoch den Gesundheitsministern von Bund und Ländern in Aussicht gestellt. Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) forderte, den Druck auf den Hersteller aufrecht zu erhalten. "Wir hoffen, dass das dann funktioniert", sagte er im BR.

Die Bundesärztekammer rief die Mediziner auf, sich impfen zu lassen. Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe sagte, alle Ärzte sollten sich so vor dem Erreger H1N1 schützen. Je mehr Menschen sich impfen ließen, desto eher könne auch die Zahl der Neuinfektionen begrenzt werden.

Die Grünen-Gesundheitsexpertin Birgitt Bender meinte, die Lieferverzögerungen beim Impfstoff dämpften die Kosten. "Was nicht geliefert wird, muss auch nicht bezahlt werden", sagte sie in der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung".

Die Unternehmen gaben sich mehrheitlich gelassen. 51 Prozent der Fach- und Führungskräfte gab in einer Umfrage an, keine Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus zu haben. Nur vier Prozent fürchten sich sehr vor einer Infektion, wie eine Befragung des Instituts für Management- und Wirtschaftsforschung in Kooperation mit handelsblatt.com unter 253 Fach- und Führungskräften zeigte.

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