Ärzte Zeitung, 01.03.2010

Bremen plant Obduktionspflicht bei Kindern

Senat will Konsequenzen aus dem Fall des zu Tode misshandelten Jungen Kevin ziehen / Kinderärzte unterstützen das Vorhaben

BREMEN (cben). Bremen will als erstes Bundesland die Obduktionspflicht bei Kindern einführen, um potenzielle Kindesmisshandler abzuschrecken. An den Plänen scheiden sich die Geister.

Die Obduktion soll dazu dienen, eventuelle Kindesmisshandlungen zu erkennen und aufzuklären. Man verspreche sich zudem eine abschreckende Wirkung auf potenzielle Täter, hieß es aus dem Gesundheitsressort. Betroffen sind alle Kinder unter sechs Jahren, die ohne Vorerkrankungen oder äußere Zeichen von Verletzung tot aufgefunden werden. Auslöser war der gewaltsame Tod des Jungen Kevin im Jahr 2006 (wir berichteten).

Der Bremer Landesverband des Kinderschutzbundes kritisierte die Pläne. Die Angehörigen gestorbener Kinder würden unter Generalverdacht gestellt, so Andreas Bröcher, Geschäftsführer des Bundes in Bremen. "Das ist eine Aushebelung des Einverständnisses der Eltern." Die Eltern seien ohnedies traumatisiert, eine Pflichtobduktion sei unvertretbar.

Die Deutsche Kinderhilfe dagegen unterstützt die Bremer Pläne. Wenn die Obduktion "zum Standard geworden ist und den Eltern entsprechend vermittelt wird, handelt es sich weder um eine Stigmatisierung noch einen Generalverdacht", teilte der Bund mit. "Rechtsmediziner sind schlichtweg besser qualifiziert, die Todesursache bei Kindern exakt festzustellen." Zurzeit stellten Pädiater und häufig Notärzte aufgrund der belastenden Situation mit trauernden Eltern zu leichtfertig Totenscheine aus, ohne die pädiatrischen Besonderheiten - etwa bei Schütteltraumata - zu beachten, hieß es.

Auch Dr. Stefan Trapp, Chef des Bremer Landesverbandes der Kinder- und Jugendärzte, hält die Obduktionspflicht für richtig. "Wenn das Kind Wochen oder Monate beerdigt ist, dann kommen den Eltern oft Zweifel, und sie fragen sich, woran ihr Kind gestorben ist", sagt Trapp, "da hätte eine Obduktion die Zweifel ausgeräumt." Zugleich helfe die Obduktionspflicht den Ärzten. Die Eltern seien traumatisiert und wollten in Ruhe gelassen werden, "und sie wollen dass man auch ihr Kind in Ruhe lässt", sagt Trapp, "für uns ist es dann einfacher, auf die Obduktionspflicht zu verweisen, als Eltern gegen ihren Willen zur Obduktion zu drängen." Laut Statistischem Landesamt starben im Jahr 2008 37 Kinder unter sechs Jahren, vier von ihnen am plötzlichen Kindstod oder an einer unbekannten Ursache.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Ein harter, aber richtiger Schritt

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Drastisch veränderte Mundflora bei Krebs

Beim Plattenepithelkarzinom der Mundhöhle ist die Zusammensetzung des oralen Keimwelt im Vergleich zu Gesunden drastisch verschoben. mehr »

Engagement, das Früchte trägt

Jungen Menschen fehlt es an Gespür für ehrenamtliches Engagement? Ein Vorurteil, wie sich bei der Springer Medizin Gala gezeigt hat. Deutlich wurde auch, dass Engagement für Hilfsbedürftige auch den Sinn für das Politische schärft. mehr »

So wird Insulin für Diabetiker produziert

Hinter den Toren des Industrieparks Höchst bieten sich faszinierende Einblicke in die Welt der Hochleistungs-Biotechnologie: Milliarden von E.coli-Bakterien produzieren hier das für Diabetiker überlebenswichtige Insulin. mehr »