Ärzte Zeitung online, 01.07.2010

Ungeregelter Alltag lässt Kinder dicker werden

AOK-Familienstudie 2010: Routinen und Rituale fördern die Kindergesundheit

BERLIN (men). Rituale und Regeln im Alltag sind essenziell für die körperliche und seelische Gesundheit der Kinder. Das hat jetzt die Familienstudie 2010 der AOK erneut hervorgehoben. Ein weiteres wichtiges Ergebnis: Viele Eltern haben erzieherisch hehre Ziele, mitunter hapert es aber bei der Umsetzung.

Ungeregelter Alltag lässt Kinder dicker werden

Mit den Chips vor der Glotze - das Gegenteil von gemeinsamen Mahlzeiten mit der Familie und einem geregelten Alltag.

© Wigger / DAK

"Kinder kann man nicht erziehen, die machen einem ja doch alles nach." Mit diesem Zitat des Kabarettisten Karl Valentin unterstrich Professor Klaus Hurrelmann von der Berliner Hertie School of Governance, wie wichtig die Vorbildfunktion von Eltern für ihre Kinder ist. Hurrelmann stellte am Donnerstag die Ergebnisse der AOK-Familienstudie 2010 vor, deren wissenschaftlicher Leiter er ist. Für die repräsentative Studie wurden 2052 Mütter und Väter telefonisch zu ihren Alltagsroutinen im Umgang mit ihren Kindern befragt.

Familie als "gesundheitsförderndes Setting"

Eltern wollen bei der Erziehung ihrer Kinder möglichst alles richtig machen. Zeitnot, Stress und Geldsorgen führen laut Hurrelmann jedoch dazu, dass im Alltag manch guter Vorsatz auf der Strecke bleibt, was die Eltern zusätzlich verunsichert. Damit die Familie zum "gesundheitsfördernden Setting" werde, sei es jedoch entscheidend, einen Tagesrhythmus mit festen Regeln und Ritualen zu etablieren, die auch unter schwierigen Lebensumständen aufrecht erhalten werden können. Dazu gehörten gemeinsame Mahlzeiten ebenso wie zusammen verbrachte Zeit zum Spielen oder Vorlesen.

64 Prozent der Familien frühstücken gemeinsam

Fehlen solche Rituale, sind die Kinder häufiger übergewichtig oder leiden unter psychischen Problemen wie Nervosität oder Einschlafstörungen. Ein Beispiel: In Familien, in denen Eltern und Kinder täglich gemeinsam frühstücken, sind etwas mehr als 20 Prozent der Kinder übergewichtig, in Familien, die nie zusammen am Frühstückstisch sitzen, sind es 33 Prozent. Da ist es besonders bedenklich, dass das gemeinsame Frühstück nur bei 64 Prozent der Familien zum Alltag gehört.

Folgen falscher Ernährung kosten jährlich Milliarden

Die Bedeutung der richtigen Ernährung für die Gesundheit unterstrich der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes Jürgen Graalmann. Krankheiten wie Diabetes, Adipositas oder Herzerkrankungen, die durch falsche Ernährung bedingt sind, verursachen laut Graalmann jährlich Kosten von rund 70 Milliarden Euro. Bereits im Kindesalter seien 16 Prozent der Deutschen übergewichtig, sieben Prozent sogar adipös. Die AOK will daher die Gesundheit von Familien noch stärker fördern, etwa mit einem virtuellen Familiencoach. Da unter den Versicherten der AOK viele Familien sind, ist zurzeit jedes dritte Kind bei der AOK versichert.

Gemeinsame Zeit ist wichtig - eine Viertelstunde täglich reicht schon

Wichtig für die Kindergesundheit ist neben der Ernährung vor allem, dass Eltern sich für ihre Kinder Zeit nehmen. Laut Studienautor Dr. Wolfgang Settertobulte von der Gesellschaft für angewandte Sozialforschung in Gütersloh reicht dafür schon eine Viertelstunde pro Tag - vorausgesetzt, dass das Kind in dieser Zeit die ungeteilte Aufmerksamkeit der Mutter oder des Vaters genießt. Weniger kann also manchmal auch mehr sein.

Zur Vorstellung der Familienstudie auf der Internetseite der AOK

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