Ärzte Zeitung online, 25.07.2010

Contergan-Opfer rufen zum Boykott auf

STOLBERG (dpa). Contergan-Opfer haben am Samstag eine bundesweite Kampagne zum Boykott von Produkten der Dalli-Gruppe gestartet. Die Kampagne richtet sich gegen die Unternehmer-Familie Wirtz, der neben Dalli auch der Pharmahersteller und frühere Conterganproduzent Grünenthal gehört.

Contergan-Opfer rufen zum Boykott auf

Durch Fehlbildungen bei Neugeborenen löste Contergan den größten Arzneiskandal in der Bundesrepublik aus: Als Schlafmittel wurde es in den fünfziger und sechziger Jahren vor allem von Schwangeren eingenommen.

© dpa

Mit Flugblättern forderten die Opfer Kunden vor dem Werksverkauf in Stolberg bei Aachen auf, keine Waschmittel und Parfüms mehr zu kaufen. "Wir fordern von der Familie Wirtz, dass sie mit ihrem Firmenkonsortium den Gesamtschaden von acht Milliarden Euro ersetzt", stellten zwei Opferverbände fest.

Durch seine Kaufentscheidung könne der Verbraucher Position beziehen. "Kaufen Sie die Produkte nicht mehr, sagen Sie: Verehrte Familie Wirtz, ersetzen Sie endlich alle Schäden der Contergan-Opfer!", hieß es in einem Flugblatt. Vom Dalli-Standort Stolberg ausgehend werde die Kampagne bundesweit vor Geschäften mit Dalli-Produkten laufen. Das kündigte der Vorsitzende des Bundes Contergangeschädigter und Grünenthal-Opfer (BCG), Andreas Meyer, an.

Vor allem der Bürger trage den Schaden mit, stellten die Verbände mit Blick auf die Auszahlungsbilanz der Contergan-Stiftung fest. Die Stiftung zahlte nach eigenen Angaben bis Ende 2008 rund 460 Millionen Euro Rentenleistungen aus. Mit rund 100 Millionen Euro kommt nur der kleinere Teil von Grünenthal. Der Rest sind Steuermittel.

Die Kampagne ist die Bekräftigung eines seit drei Jahren existierenden Boykottaufrufs. Die Dalli-Gruppe scheiterte im vergangenen Jahr mit dem Versuch, dagegen gerichtlich vorzugehen. Das Schlafmittel Contergan der Firma Grünenthal hatte Ende der 50er Jahre einen der größten Arzneimittelskandale in der deutschen Geschichte ausgelöst. Weltweit kamen 10 000 Kinder mit schweren körperlichen Missbildungen vor allem an Armen und Beinen zur Welt.

Am Donnerstag hatte ein Contergan-Opfer Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland beim Landgericht Bonn eingereicht. "Der Staat hat es damals unterlassen, Arzneimittelproduktion und -vertrieb zu kontrollieren", sagte der Kläger Otmar Korte. Der "symbolische Streitwert" betrage 5001 Euro.

Lesen Sie dazu auch:
Conterganopfer verklagt Bundesrepublik

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Beginnt die MS im Dünndarm?

Im Dünndarm werden wohl "Schläfer-T-Zellen" aktiviert, die eine MS triggern. Jetzt sind Forscher auf der Suche nach dem Auslöser – und haben Keime im Verdacht. mehr »

Wie die Neurologie von der Flüchtlingskrise profitiert

Migranten sind für Europa eine Herausforderung, doch sie bringen auch neue Erkenntnisse: Mediziner können durch Zuwanderer erforschen, wie Gene und Umwelt mit neurologischen Krankheiten zusammenhängen. mehr »

Hausbesuche bringen wohl mehr Honorar

Beim GKV-Spitzenverband gilt als ausgemacht, dass die Ärzte für eine Ausweitung der Mindestsprechzeiten nur sparsam honoriert werden sollen. Das Honorarsystem soll keine Gelddruckmaschine für Ärzte sein. Eine Ausnahme könnte es geben: Hausbesuche. mehr »