Ärzte Zeitung online, 16.09.2010

Kinderärzte wollen Lebensmittel-Ampel

Laufen bereitet ihnen Probleme, ihre motorischen Fähigkeiten sind mangelhaft, schlanke Kinder hänseln sie: Dicke Kinder leiden unter ihrem Gewicht. Und doch gibt es immer mehr von ihnen. Pädiater fordern nun ein radikales Umdenken. Sie wollen die Erwachsenen und die Lebensmittelindustrie in die Pflicht nehmen.

Kinderärzte wollen Lebensmittel-Ampel

Die Ampel gegen dicke Kinder: Deutschlands Pädiater haben sich erneut für diese Kennzeichnung ausgesprochen.

© foodwatch

POTSDAM (dpa). Kinderärzte schlagen Alarm: Deutschlands Kinder werden immer dicker. "Die Fettleibigkeit hat deutlich zugenommen und liegt inzwischen bei 15 Prozent - Tendenz steigend", sagte der Leiter der Potsdamer Kinderklinik, Professor Michael Radke, der Nachrichtenagentur dpa.

"Wir belegen inzwischen in der EU den Spitzenplatz und sind den amerikanischen Verhältnissen dicht auf den Fersen", berichtete der Leiter des Kinder- und Jugendärztekongresses, zu dem am Donnerstag rund 3000 Fachleute in Potsdam erwartet werden. Schuld seien Fastfood, Süßigkeiten, zu wenig Bewegung - vor allem aber die Getränke. "Darauf müssen wir viel mehr achten", mahnte Radke.

Die Folgen der Fettleibigkeit sind dramatisch: motorische Fähigkeiten schwinden, immer mehr Kinder und Jugendliche erkranken an Diabetes, die psychische Leiden nicht zu vergessen. "Die Kinder werden gehänselt und ausgeschlossen von Aktivitäten in der Freizeit oder beim Schulsport", zählte der Klinikchef auf.

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) fordert daher eine umfassende Strategie, die zu einem grundsätzlichen Umdenken in der Gesellschaft führt. "Es ist die Aufgabe der Politik, dafür die Mehrheiten zu beschaffen."

Radke warf der Politik Versagen beim Thema Lebensmittelampel vor. "Wir brauchen so ein einfaches System!" Rot, Gelb oder Grün sollen etwa kennzeichnen, wie viel Zucker in der Limo steckt: "Das versteht der Verbraucher, das verstehen Kinder", meinte Radke. Bislang seien die Angaben auf den Produkten viel zu kompliziert und überforderten einen Großteil der Bevölkerungsschicht, die von Fettleibigkeit besonders betroffen sei.

"Untersuchungen zeigen leider: Dickes Kind, dicke Eltern", sagte der Arzt. "Man kann sogar weiter gehen: dicke Frau, dicke Schwangere, dickes Kind." Dieser Kreislauf könne nur durch massives Einwirken der Gesellschaft durchbrochen werden.

Ein wesentlicher Ansatzpunkt ist nach seinen Worten die Schule. "In jede Schule gehört vernünftige Nahrung - also keine Süßigkeiten und Cola im Automaten", forderte Radke. Seine Organisation macht sich für ein Schulessen stark: "Jedes Kind hat ein Recht auf eine warme und ausgewogene Mahlzeit." Die sei aber in vielen Familien nicht gegeben. "Wir sollten darum das Kindergeld in Kanäle leiten, wo es den Kindern direkt zu Gute kommt."

Aus Sicht des Pädiaters gibt es keine andere Alternative, als die Reißleine zu ziehen. Auf das Sozialversicherungssystem in Deutschland kommen allein durch den demografischen Wandel extreme Probleme zu. "Chronische Erkrankungen bei fettleibigen Kindern und Jugendlichen sind da nicht zu verkraften", meinte Radke.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Zahl der Atemwegsinfekte bundesweit stark erhöht

In der 7. KW wurden 22.813 Influenza-Fälle an das Robert Koch-Institut (RKI) gemeldet, das sind rund 8000 mehr als in der Woche zuvor. mehr »

Welcher Sport tut den Gefäßen gut?

Sportliche Menschen scheinen anfälliger für atherosklerotische Koronarveränderungen zu sein als faulere. Neue Studiendaten legen nahe, dass dabei die Sportart von Bedeutung ist. mehr »

Bald Bluttest auf Brustkrebs?

18.30 hForscher an der Universität Heidelberg haben ein neues Verfahren entwickelt, mit dem sich über einen Bluttest Brustkrebs leichter erkennen lässt. Die Sensitivität wird mit 75 Prozent angegeben. Doch es gibt auch kritische Stimmen. mehr »