Ärzte Zeitung, 27.12.2010

Pressestimmen zum gescheiterten Systemausstieg der bayerischen Hausärzte

Der geplante Systemausstieg des Bayerischen Hausärzteverbands, das Scheitern dieser Pläne und der Rücktritt Wolfgang Hoppenthallers hat ein breites Medienecho ausgelöst. Lesen Sie hier die Kommentare einiger Publikumsmedien.

Nürnberger Nachrichten:
Zurück zur Tagesordnung? Wohl kaum!

Der Ausstieg ist abgeblasen, Hoppenthaller ist gegangen, die Hausärzte arbeiten wieder in ihren Praxen - zurück zur Tagesordnung? Wohl kaum. Wenn 40 Prozent der Hausärzte lieber eine ungewisse Zukunft in Kauf nehmen als weiter in diesem Gesundheitssystem zu arbeiten, müssen bei Politik und Kassen Alarmglocken schrillen. Denn die Mediziner, die in Nürnberg ihre Zulassungen zurückgeben wollten, sind keine Revoluzzer und Hasardeure. In ihrer Kritik an Überreglementierung und Intransparenz steckt viel Wahres, weshalb Politik und Kassen jetzt nicht in allzu lautes Triumphgeheul ausbrechen sollten.

Süddeutsche Zeitung:
Spartakus des Doktorenstandes

Auf den Rausch folgt der Kater. Das Aufwachen nach der gescheiterten Revolte muss für die bayerischen Hausärzte sehr schmerzhaft sein. Durch ihr "Nein" zur kollektiven Rückgabe der Kassenlizenz ist ihnen jetzt auch der Vorsitzende abhanden gekommen. (...) Zu viel Schaden hat dieser Spartakus des Doktorenstandes bei diesem letzten Versuch angerichtet. Die bayerischen Hausärzte werden spätestens im nächsten Quartal erkennen, dass sie der Kampf ihres Vorsitzenden sehr viel Geld kosten wird. Ein neuer Hausarztvertrag wird deutlich schlechter honoriert sein als der alte.

Frankfurter Allgemeine:
Drohung war leeres Geschwätz

Der bayerische Hausärztelöwe konnte zwar brüllen, aber beißen konnte er nicht. Seine Drohung mit dem kollektiven Umstieg aus dem Kassen- in das Privatarztsystem war leeres Geschwätz. Der Rückritt von allen politischen Ämtern war die notwendige Folge. (...) Bayerns Hausärzte sollten sich auf selbst verschuldete Einbußen einstellen. Immerhin hat das Getöse um den Vertrag auch eine gute Seite. Es macht klar, dass es falsch ist, nur einen Interessenverband zum Kassen-Verhandlungspartner zu bestellen. Der Fehler wurde in der großen Koalition gemacht. Aber Schwarz-Gelb hat ihn nicht korrigiert.

Main Post:
Jetzt keine neuen Daumenschrauben!

Ärzte wie Krankenkassen sollten die besinnlichen Weihnachtstage nutzen, um die in den letzten Wochen gefährlich vertieften Gräben wieder zuzuschütten. Der Hausärzteverband wäre dabei gut beraten, den Plan, doch noch eine Mehrheit für einen Ausstieg zu finden, endgültig aufgeben. Und die Kassen sollten ihre Genugtuung über die Niederlage von Hoppenthaller nicht an allen Hausärzten auslassen und die Tür für neue, auch für die Mediziner akzeptable Hausarztverträge öffnen. Statt neue Daumenschrauben auszupacken, könnten direkte Gespräche nichts schaden. Im Sinne der Patienten wäre dies allemal.

Mittelbayerische:
Söder - eine ganz besondere Zierde seiner Zunft

Markus Söder ist schon eine ganz besondere Zierde seiner Zunft. (...) Da taucht er angesichts der Auseinandersetzung zwischen AOK und Hausärzten seit Tagen weitgehend unter, um einen Tag nach der Abstimmung der Mediziner ein Fähnchen aus seinem Mäuseloch zu halten. Was Söder wohl getan hätte, wenn der oberste bayerische Standesvertreter das Votum gewonnen hätte? Wahrscheinlich hätte er Dr. Hoppenthaller zu seinem persönlichen Freund erklärt, die völlig grundlose Kündigung des Hausärztevertrages durch die "Gesundheitskasse" angeprangert und die "Gutsherrenart" der AOK scharf verurteilt.

Stuttgarter Zeitung:
Niemand weiß, ob es eine Neuauflage des Aufstands gibt

War die Rebellion also nur ein bayerischer Sonderfall? Die Antwort lautet: Jein.

Spätestens 2014 werden alle Krankenkassen die Karten auf den Tisch legen müssen: Dann, so hat es Schwarz-Gelb beschlossen, dürfen Kassen Hausärzten höhere Vergütungen nur zahlen, wenn dies an anderer Stelle finanziell ausgeglichen wird. Jeder Kasse, der dies nicht gelingt, stehen in diesem Fall massive Honorarkonflikte mit den Hausärzten bevor.

Niemand weiß, ob eine Neuauflage des Aufstands der Bayern nicht doch zum "Systemausstieg" führt.

Neue Westfälische:
Das Hauptproblem war Maßlosigkeit

Man kann ja verstehen, dass die Hausärzte - und nicht nur sie - sich am Kassenarztsystem abarbeiten. Das was die bayerischen Hausärzte unter ihrem radikalen Anführer, dem notorischen Verbandsfunktionär Wolfgang Hoppenthaller, gezeigt haben, war indes nicht geeignet, Sympathie zu erzeugen. Es ging ihnen nämlich - wenn überhaupt - höchstens nachrangig um eine bessere Versorgung ihrer Patienten.

In erster Linie ging es ihnen um mehr Geld für bayerische Hausärzte, selbst auf Kosten der eigenen Kollegen. Ihr Hauptproblem war Maßlosigkeit.

Nordbayerischer Kurier:
Mit dem Scheitern sind die Probleme nicht vom Tisch

Die Verantwortung für die Pleite trägt nach den von ihm geweckten hohen Erwartungen Hoppenthaller selbst.

Die Patienten, die die Leidtragenden einer massenhaften Hausärzteverweigerung gewesen wären, können aufatmen - vorerst. Denn mit dem Scheitern des Verbandes sind die Probleme nicht vom Tisch.

Viele Hausärzte sind überlastet, auf dem Land droht bald Mangel. Darunter haben dann alle zu leiden: Ärzte und Patienten.

Lesen Sie dazu auch:
Ausstieg scheitert, Hoppenthaller geht - wie geht es jetzt weiter in Bayern?
Hausärzte zwischen Euphorie und grenzenloser Enttäuschung

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Markus Söder (263)
[28.12.2010, 16:05:15]
Dr. Karlheinz Bayer 
ich bin erleichtert!
a) weil Herr Hoppenthaler mit Sicherheit kein Mann fürs Verhandeln ist. Man kann sich als Arzt nur bedingungslos hinter ihn stellen - koste es was es wolle - oder ihn als Wortführer ablehnen.
b) weil es kein bayrisches Modell geben wird.
Ein solches Modell hätte zu einem heillosen Gegeneinander der Bundesländer geführt und zu einem Gegeneinander der Ärzte untereinander.
c) weil die Position der KV gestärkt wurde.
Historiker wissen um die Bedeutung der KV, und daß sie den Ärzten eine solide Lebensgrundlage gegeben hat.
d) weil nicht halb soviel Porzellan zerschlagen wurde, wie befürchtet.
Landesregierung und AOK scheinen bei aller Erleichterung über Hoppenthalers Abdankung weiter bereit zu sein, Lösungen zu finden.

Wenn man davon ausgeht, daß es sich bei den 6000 Kolleginnen und Kollegen in der Nürnberger Arena um wache und vernünftige Menschen handelt, dann haben sie nach reiflichem Überlegen eine Entscheidung getroffen. Die paßt zwar nicht in das Weltbild des Herrn Hoppenthaler, aber sie ist ein Votum.

Auch hier in Baden-Württemberg wäre eine Abstimmung nicht anders gelaufen, davon bin ich überzeugt. Es gibt ohne jeden Zweifel eine starke HzV-Fraktion, aber die Mehrheit scheint doch mit dem KV-System zufriedener zu sein.

Die Revolution ist deshalb gescheitert. Ich bin erleichtert. Ich hätte nicht für einen Hausarzt-Verband arbeiten wollen, nicht eingebunden in Selektivverträge mit diversen Kassen und nicht mit diesen Kassen online in meinem Praxiscomputer. Wenn schon Freiberufler, dann unter dem System der KVen und nicht unter Galeonsfiguren wie Dr. Hoppenthaler.

Dr.Karlheinz Bayer, Allgemeinarzt in Baden-Württemberg
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[28.12.2010, 08:09:26]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Schöne Bescherung?
An Alle, die jetzt auf das Desaster der Bayrischen Hausärzte und ihres zurückgetretenen Vorsitzenden, Herrn Kollegen Dr. med. W. Hoppenthaller, reagieren. Es war sicherlich ein Mut der Verzweiflung, den Systemausstieg zu propagieren.

1. Im SGB V (Sozialgesetzbuch), § 73 b, steht seit 2009 (!), dass die Hausarztzentrierte Versorgung (HzV) zum A b s c h l u s s ansteht. Der Hausärzteverband (HÄV) hat dazu seit 2 Jahren (!) das gesetzliche Verhandlungsmandat, diese Verträge nach Bayern und Baden-Württemberg auch b u n d e s w e i t abzuschließen und n i c h t die KVen oder die KBV.

2. Bundesgesundheitsminister (BGM), Dr. med. Philipp Rösler hat gemeinsam mit der BEK/HEK Chefin, Birgit Fischer den Schulterschluss
g e g e n ein bestehendes Gesetz des Bundes gesucht und gegen den gültigen "Hausarztparagrafen" 73 b SGB V intrigiert und opponiert.

3. Dies hat die bayrische AOK und Ersatzkassen ermuntert, nach einseitiger Verhandlungsverzögerung und -verhinderung die HzV-Verträge mit dem HÄV ohne Rechtsgrundlage fristlos zu kündigen, weil sie klammheimliche Rückendeckung vom BGM und zuletzt auch vom bayrischen MP Horst Seehofer und Landesgesundheitsminister Markus Söder bekamen.

4. Juristisch ist es unentschuldbar, dass Gesetzliche Krankenkassen als Körperschaften Öffentlichen Rechts bestehende bundesgesetzliche Verpflichtungen des SGB ignoriert und konterkariert haben. Und dies vor dem Hintergrund, das alle KVen bundesweit gegenüber uns Vertragsärzten minutiös über die Einhaltung der rechtlichen Rahmenbedingungen wachen.

5. In einem Klima, in dem die bundesgesetzlich geregelte hausärztliche Versorgung, die Sicherstellung der sozialmedizinischen Basisversorgung der Bevölkerung zum A b s c h u s s freigegeben sind, lief ein Film ab, der nur noch mit Rainer Werner Faßbinders "Jagdszenen aus Niederbayern" vergleichbar ist.

6. Menschen, die keinen blassen Schimmer von medizinischer Versorgung, von praktizierter Humanmedizin, von Ärztemangel in ländlichen Regionen, von Pauschalierung, Budgetierung, Regressandrohung, von Untersuchung, Diagnose, differenzierter Therapie, von Heilung, Linderung, Tröstung und Palliation haben, fühlen sich jetzt ermutigt, auf Hausärztinnen und Hausärzte einzudreschen, die doch oft als ärztlicher Notnagel die medizinisch, sozialpsychologisch und kulturell auseinander driftenden gesellschaftlichen Widersprüche zusammenhalten.

Schöne Bescherung!
Mit kollegialen Grüßen, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM in Dortmund zum Beitrag »

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