Ärzte Zeitung, 22.02.2011

Nervenärzte kritisieren Unterversorgung

KÖLN (iss). Der Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN) fordert zusätzliche Finanzmittel für die Versorgung von psychisch kranken Menschen.

Auf die zunehmende Bedeutung seelischer Erkrankungen, wie sie der aktuelle Gesundheitsreport der DAK zeige, müsse endlich reagiert werden, sagt der BVDN-Vorsitzende Dr. Frank Bergmann.

In der Vergangenheit seien massiv Behandlungsplätze in psychiatrischen Kliniken abgebaut worden. "Die frei gewordenen finanziellen Mittel wurden aber nicht genutzt, um die Patienten vermehrt von niedergelassenen Nervenärzten und Psychiatern behandeln zu lassen", so Bergmann.

Dass die ambulanten Strukturen der wachsenden Patientenzahl nicht angepasst wurden, wirke sich direkt auf die Versorgung aus: Patienten mit seelischer Störung müssten immer länger auf einen Termin warten, die Ärzte müssten die Zahl der Behandlungstermine für den einzelnen Patienten häufig reduzieren, der Behandlungserfolg könne leiden.

Die neuropsychiatrischen Berufsverbände haben wiederholt eine Stärkung der Versorgung durch niedergelassene Fachärzte gefordert, betont Bergmann.

Verbesserungen an der Schnittstelle zwischen hausärztlicher und nervenärztlicher Behandlung sowie Psychoedukationsprogramme könnten etwa die Behandlung depressiver Patienten verbessern.

"In diesem Zusammenhang ist es unbegreiflich, dass die Möglichkeit, psychisch Kranke mit wiederholten psychiatrischen Gesprächen engmaschig im Quartal zu behandeln, aufgrund irrationaler Leistungsausweitungen in anderen Fachbereichen bereits nach zwölf Monaten wieder abgeschafft wurde", sagt Bergmann. Das sei ein verhängnisvoller Fehler gewesen.

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[23.02.2011, 10:36:30]
Denis Nößler 
Anmerkungen zum DAK-Gesundheitsreport 2011
Per E-Mail erreichte uns folgender Kommentar des Versorgungsforschers Dr. Heiner Melchinger aus Hannover:

Die im DAK-Gesundheitsreport 2011 als "alarmierend" bezeichneten Zuwächse bei psychischen Erkrankungen sind nicht überraschend. Sie bestätigen das Anhalten eines Trends, der schon in früheren Gesundheitsberichten aufgewiesen wurde.

Die Zuwächse bedürfen einer differenzierenden Betrachtung: Sieht man altersassoziierten psychischen Erkrankungen wie Demenzen ab, zeigen sich Zuwächse in erster Linie bei eher leichteren psychischen Erkrankungen wie somatoformen Störungen und depressiven Episoden. Bei schweren psychischen Erkrankungen wie Psychosen oder bipolaren Störungen gibt es keine Zuwächse.

Die größten Zuwächse ergeben sich in der Richtlinienpsychotherapie. Die starke Nachfrage nach Psychotherapie veranlasste die Bundespsychotherapeutenkammer zu der folgenden Presseerklärung (08.02.2011): "In der Versorgung von psychisch kranken Menschen stoßen wir seit Langem an Kapazitätsgrenzen, die sich nur durch ein größeres Angebot von Behandlungsplätzen lösen lassen".
Die Forderung nach mehr Psychotherapeutensitzen halte ich für sehr problematisch.

Verschiedene Arbeiten belegen, dass die Zunahme von Psychotherapiefällen wesentlich auf zwei Faktoren zurückzuführen ist. Zum Einen darauf, dass häufiger Patienten behandelt werden, deren Störungen eher noch im Normalbereich liegen und die nicht "krankheitswertig im engeren Sinn" sind, zum Anderen auf ein verändertes Inanspruchnahmeverhalten der Betroffenen. Die Schwelle, bei Belastungen einen Psychotherapeuten aufzusuchen, ist niedriger geworden. Die Angebote zur Psychotherapie sind vielfältig, sie kosten nichts, es bedarf keiner ärztlichen Überweisung und der Weg zu einem Psychotherapeuten ist nicht weit.

Mit der Schaffung von weiteren Psychotherapeutensitzen würde das grundlegende Strukturproblem der psychiatrischen Versorgung, die Fehlallokation von Ressouren, nur noch weiter verschärft. Den niedergelassenen Psychiatern, die das Gros der schwerer psychisch Kranken behandeln, steht für die Behandlung eines Patienten pro Quartal nur etwa eine halbe Stunde finanzierte Behandlungszeit zur Verfügung, viel zu wenig, um eine umfassende und leitliniengerechte Behandlung leisten zu können.

Patienten, die einen Psychotherapeuten aufsuchen, erhalten eine Therapie, deren Dauer sich zwischen rund 40 Stunden und weit über 100 (Maximum 300) Stunden bewegt.

Für leichter Erkrankte viel Ressourcen/Behandlungszeit, für schwerer Erkrankte wenig Ressourcen/Behandlungszeit - diese Schieflage ist fachlich nicht vertretbar und sie stellt eine Verletzung der grundgesetzlich garantierten Chancengleichheit dar, die auch für die psych-iatrische Versorgung gelten muss. zum Beitrag »

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