Ärzte Zeitung, 23.03.2011

Nationalsozialismus: "Ärzte waren beteiligt"

Die Gräueltaten von Ärzten im Nationalsozialismus sind noch nicht vollständig aufgearbeitet. Einen Beitrag dazu leistet jetzt ein Forschungsbericht der Bundesärztekammer. Eine Aussage: "Wir wissen, dass Ärzte nicht nur weggesehen und geschwiegen, sondern aktiv mitgewirkt haben."

Von Angela Misslbeck

Ärzte erkunden weiße Flecken in der dunklen Geschichte

Ausgestellt: Die Rolle von Ärzten in der Nazizeit ist immer wieder Thema von Ausstellungen, derzeit auch in der Bundesärztekammer.

© Jensen / dpa

BERLIN. So intensiv wie kaum eine andere Berufsgruppe hat sich die Ärzteschaft in den vergangenen Jahren mit ihrer Geschichte in der NS-Zeit befasst. Dennoch gibt es nach wie vor Forschungslücken.

Das wollte die Bundesärztekammer ändern. Deshalb hat sie den Medizinhistoriker Professor Robert Jütte mit einem Forschungsbericht beauftragt. Das Ergebnis wurde am Mittwoch mit dem Band "Medizin im Nationalsozialismus - Bilanz und Perspektiven" bei einer Gedenkveranstaltung im Centrum Judaicum in Berlin präsentiert.

"Der Bericht will nicht nur Orientierung über den gegenwärtigen Stand der Forschung geben, sondern auch für zukünftige Forschungen einen Wegweiser erstellen", sagte Jütte.

Während Euthanasie und Krankenmord, Eugenik und die Humanexperimente in Konzentrationslagern gut erforscht seien, gebe es noch etliche weiße Flecken vor allem bei der Sozialgeschichte. Als Beispiel nannte er den Umgang mit alten und kranken Zivilisten und die Geschichte der jüdischen und konfessionellen Krankenhäuser.

Forschungen zu diesen Themen anregen wollen die Bundesärztekammer, die Kassenärztliche Bundesvereinigung und das Bundesgesundheitsministerium mit einem Preis, der speziell junge Mediziner und Medizinhistoriker anspricht.

Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wurde im Rahmen der Gedenkveranstaltung zum dritten Mal vergeben. Ausgezeichnet wurden drei Forschungsarbeiten aus Stuttgart, Hamburg und Berlin.

Ein Sonderpreis ging an ein Ausstellungsprojekt, das den Approbationsentzug der jüdischen Ärzte thematisiert. Die Ausstellung ist bis Ende April im Haus der Bundesärztekammer zu sehen.

Bundesärztekammerpräsident Professor Jörg-Dietrich Hoppe betonte im Vorfeld der Gedenkveranstaltung, dass ihm das Thema auch ein persönliches Anliegen sei. "Ich bin wahrscheinlich der letzte BÄK-Präsident, der die Kriegszeit noch miterlebt hat", sagte er mit Blick auf seine zu Ende gehende Amtszeit.

Er fühle auch deshalb eine Verantwortung das Thema aufzuarbeiten, weil er in seiner Ausbildung in den 50er und 60er Jahren dazu nichts gehört habe. "Das soll künftigen Generationen anders gehen", so Hoppe weiter.

Wie die Bundesärztekammer weiter mit dem Thema verfahre, hänge davon ab, wer nach ihm Präsident werde. Hoppe zeigte sich aber zuversichtlich, dass das Verhalten der Ärzte im Nationalsozialismus den wissenschaftlichen Beirat der BÄK weiterhin beschäftigen wird.

Jütte, Eckart, Schmuhl: Medizin und Nationalsozialismus - Ein Forschungsbericht, Göttingen 2011, ISBN 978-3-8353-0659-2

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