Ärzte Zeitung online, 18.08.2011

Indien: Einbalsamierung nur gegen Bakschisch

In Indien wird jeder Bereich des täglichen Lebens von Korruption überschattet. Vom ranghohen Politiker bis zum kleinen Beamten, fast jeder scheint bestechlich zu sein. Nun haben viele Inder die Nase voll und prangern die korrupten Beamten in der Öffentlichkeit an.

Von Siddharta Kumar

NEU DELHI. Es war eine schreckliche Nacht für Vivek Pai. Ein Freund war bei einem Autounfall getötet worden. Nun brauchte der junge Ingenieur aus dem westindischen Pune eine Bestätigung für die Einbalsamierung, damit der Leichnam nach Neu Delhi gebracht werden konnte.

"Ich musste im Krankenhaus Schmiergeld zahlen, damit jemand die Einbalsamierung vornahm. Aber das war noch nicht alles. Ich musste einem Angestellten 500 Rupien (8 Euro) für die Bestätigung bezahlen, damit die verzweifelten Eltern ihren Sohn ein letztes Mal sehen konnten", erzählt Pai. "Ich schäme mich für unser korruptes System."

Pushkar Sharma, ein Unternehmer aus Bangalore, musste monatelang beim Meldeamt seine Runden drehen, weil ein Beamter immer neue Dokumente verlangte. Sharma hatte sich geweigert, 1000 Rupien "Gebühr" für seine Hochzeitslizenz zu bezahlen. Als nun sein Sohn geboren wurde, bezahlte er einfach die verlangte Summe für die Geburtsurkunde. Er wollte keinen weiteren Ärger.

In Indien zahlt man Schmiergeld, um eine Firma zu gründen, eine Wohnung zu registrieren, für einen Führerschein, Reisepass, sogar für den Universitätsabschluss.

Der Ursprung dieser Unsitte liegt in der sogenannten "Licence Raj", einem System von Lizenzen, Regulierungen und dem dazugehörigen Amtsschimmel. Die Bürokraten Indiens lebten gut mit der Licence Raj bis zu ihrer Abschaffung im Rahmen von Wirtschaftsreformen im Jahr 1991.

Indien - die drittgrößte Wirtschaftsmacht Asiens - hält aber immer noch Rang 87 von 178 Staaten auf dem Korruptionsindex von Transparency International. Laut einer Studie der Forschungsgesellschaft IndiaForensic hat die Korruption Indien in den letzten zehn Jahren etwa 345 Milliarden Dollar (243 Millionen Euro) gekostet.

Korruption hindert arme Inder daran, am wirtschaftlichen Aufschwung teilzuhaben. 2009 zahlte jeder Inder im Durchschnitt 2000 Rupien an Schmiergeld - 260 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren.

Aber was zu viel ist, ist zu viel. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten gehen nun Menschen gegen die allgegenwärtige Korruption auf die Straße. Der prominente Anti-Korruptions-Aktivist Anna Hazare begann sogar einen Hungerstreik. Geschäftsleute fürchten, dass Korruption ausländische Firmen von Investitionen abhält.

Skandale wie die völlig verunglückte Organisation der Commonwealth Games, die Delhi im vergangenen Jahr zum internationalen Gespött machten, und eine 40-Milliarden-Dollar-Korruptionsaffäre um die Vergabe von Telefonlizenzen haben das Fass zum Überlaufen gebracht und eine Anti-Korruptionskampagne ins Leben gerufen.

Korruption beginnt ganz oben, davon sind viele Inder überzeugt. Die Gelder fließen von Politikern und hohen Beamten dann in die Taschen ihrer Untergebenen. Parteien kaufen Stimmen, in dem Wissen, dass die erfolgreichen Kandidaten dann durch Missbrauch ihrer Ämter wieder Geld hereinbringen.

"Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Korruption und schlechter Staatsführung. Die Korruption hat die Demokratie unterminiert", sagt BS Batwa von Transparency International Indien.

Auf der Webseite "Ipaidabribe.com" (IchhabeSchmiergeldbezahlt.com) kann man korrupte Beamte bloßstellen, man postet, wo man wieviel zahlen musste. Mit 13000 Korruptionsfällen sei die Seite zum weltweit größten Sammelbecken für Opfer geworden, sagt einer der Koordinatoren des Angebots, TR Raghundan.

Jetzt scheint ein Showdown zwischen Bevölkerung und Politikern bevorzustehen. "Ich bin nicht optimistisch. Die Bewegung könnte gewalttätig werden, wenn die Regierung nicht schnell genug reagiert", sagt Soziologe Shiv Vishvanathan.

Er befürchtet, dass die Aktivisten es nicht mit den gewieften Politikern aufnehmen können, die alles tun werden, um die Anti-Korruptionsbewegung zu unterdrücken. Wenn jedoch erst einmal mächtige Minister der Korruption überführt und verurteilt werden, könnte dies als Beispiel dienen, hofft Batwa.

Am wichtigsten ist jedoch, dass die Menschen beginnen, sich zu weigern, Bestechungsgelder zu zahlen. Rohit Singh aus Delhi ist einer von ihnen. "Meine Freunde und ich haben geschworen, kein Schmiergeld zu zahlen."

Vor kurzem sollte er einen Polizisten bezahlen, um einer Verkehrsstrafe zu entgehen. "Ich habe darauf bestanden, die höhere Strafe zu bezahlen. Der Polizist war verwirrt und konnte nur verlegen lächeln", erzählt der Student. (dpa)

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