Ärzte Zeitung, 12.12.2011

Hintergrund

Darum gibt es in Hamburg weniger Dekubitus-Fälle

Die Kliniken in Hamburg gehen mit ihren Dekubitus-Fällen offen und transparent um - im Gegensatz zu vielen Pflegeheimen der Hansestadt. Dennoch hat sich Zahl der Patienten mit Druckgeschwüren verringert - weil viele getroffene Maßnahmen greifen.

Von Dirk Schnack

Darum gibt es in Hamburg weniger Dekubitus-Fälle

Um Dekubitus zu vermeiden, sollte die Liegeposition der Patienten öfter verändert werden.

© gina sanders / fotolia.com

Hamburgs Krankenhäuser haben jetzt bundesweit als erste ihre Fallzahlen zum Dekubitus offen gelegt. Sie machen deutlich, wie viele Druckgeschwüre in welchem Schweregrad in welchem Krankenhaus aufgetreten sind und lassen durch eine risikoadjustierte Bewertung auch einen Rückschluss zu, warum manche Kliniken mehr Fälle aufweisen.

Damit werden Krankenhäuser, die besonders viele betagte Patienten behandeln, in der Statistik nicht benachteiligt.

Diese im Hamburger Krankenhausspiegel veröffentlichten Daten zeigen, dass sich von den fast 95 000 Patienten, die 2010 in Hamburger Kliniken in stationärer Behandlung waren, nur rund ein Prozent - genau 983 Patienten - ein Druckgeschwür zugezogen haben.

Damit liegt Hamburg knapp unter dem Bundesdurchschnitt von 1,1 Prozent. Nur zehn Hamburger Patienten hatten sich gefährliche Druckgeschwüre des Grades vier zugezogen.

2009 Aktionsbündnis gegründet

Ohnehin liegt Hamburg bei den Fällen zweiten bis vierten Grades weit unter dem Bundesdurchschnitt, die Zahlen fallen seit vier Jahren. Lob gab es dafür bei der Vorstellung der Ergebnisse vom Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am UKE, Professor Klaus Püschel.

Er hält die Situation in Hamburg inzwischen für besser als in anderen Städten und Regionen. Püschel hatte in der Vergangenheit nach routinemäßigen Leichenschauen schwere Druckgeschwüre festgestellt und kritisiert, dass Dekubitus zu wenig beachtet wird. Nach seinen Mahnungen hatte sich 2009 ein Aktionsbündnis in der Hansestadt gegründet, um die Dekubitus-Zahlen zu senken.

Diesem Ziel ist man in Hamburgs Krankenhäusern durch Kontrolle und Wundmanager näher gekommen. Während auf Bundesebene Kliniken neu entstandene Druckgeschwüre nur im ersten Quartal eines Jahres dokumentieren müssen, haben sich die Krankenhäuser in der Hansestadt verpflichtet, nach einem einheitlichen Verfahren das ganze Jahr zu dokumentieren und an die Landesgeschäftsstelle Externe Qualitätssicherung zur Auswertung zu geben.

Außerdem wird jedes Krankenhaus zwei Mal im Jahr überprüft. Bei starken Verschlechterungen über zwei Grade bei einzelnen Patienten gibt es Sonderprüfungen.

Spezialmatratzen für die Neuankömmlinge

Entwarnung gab Püschel bei der Präsentation der Zahlen in der Hamburger Krankenhausgesellschaft trotzdem nicht - Dekubitus bleibt ein ernstes Problem. Denn neben den 983 Dekubitusfällen, die in den Kliniken aufgetreten waren, kamen weitere 4684 Patienten, die schon bei der Aufnahme in einer Klinik ein Druckgeschwür aufwiesen.

Um solche Patienten besser versorgen zu können, überlegt man etwa, schon in der Aufnahme Spezialmatratzen vorzuhalten. Um die Koordination der Versorgung kümmern sich in den Kliniken der Hansestadt flächendeckend weitergebildete Wundmanager, die ab Stufe zwei eingeschaltet werden.

Tamara Leske, Pflegedienstleiterin im Hamburger Marienkrankenhaus, hält die Wundmanager auch für wichtig, um Vertrauen zu anderen Beteiligten in der Versorgung zu schaffen.

Nach ihren Erfahrungen sind nicht nur ärztliche Kollegen, sondern auch Pflegeeinrichtungen in aller Regel froh über die Unterstützung durch Wundmanager, die als Schnittstelle zwischen den Sektoren agieren.

Püschel: "Allianz des Schweigens" in der Pflege

Das ist nach Ansicht Püschels dringend erforderlich - denn nach seinen Erfahrungen ist die Dekubitus-Problematik in manchen Altenheimen und in privaten Pflegeeinrichtungen nicht so transparent wie inzwischen in den Krankenhäusern.

Er sprach von einer "Allianz des Schweigens" und schwarzen Schafen in der Pflege, die nicht jedes Dekubitus-Risiko registrieren und zu wenig Engagement zur Vermeidung betreiben.

Schuldzuweisungen an einzelne Einrichtungen oder Berufsgruppen in der Versorgung vermied Püschel wie stets. Seine Mahnung ging in eine andere Richtung: "Es ist ein Versagen unserer Gesellschaft und der Politiker, wenn wir die äußeren Umstände nicht so einrichten, dass eine ausreichende Pflege ermöglicht wird."

Hoffen auf mehr Transparenz in anderen Sektoren

Dr. Claudia Brase, Geschäftsführerin der Hamburgischen Krankenhausgesellschaft, hofft nun auf mehr Transparenz in den anderen Sektoren: "Ich wüsste auch gern, wie es im Vertragsarztbereich und in den Pflegeheimen aussieht. Vielleicht sind bald auch Pflegeeinrichtungen bereit, ihre Daten offen zu legen, so wie es jetzt die Kliniken tun."

Marco Tergau, Sprecher des Hamburger Krankenhausspiegels, setzt sogar auf einen "Hamburger Gesundheitsspiegel", der sektorenübergreifend Behandlungsergebnisse offen legt.

Nach den bisherigen Erfahrungen hält er dieses Ziel aber nur langfristig für realistisch - Zeithorizont: bis Ende des Jahrzehnts.

Hamburger Krankenhausspiegel

Das Internetportal hamburger-krankenhausspiegel.de präsentiert Qualitätsergebnisse aus 26 Kliniken für insgesamt 14 besonders häufige oder komplizierte Behandlungsgebiete. Trend: Die Behandlungsergebnisse haben sich verbessert, nicht nur im Gebiet Dekubitus.

Im vergangenen Jahr hatte der Ruf des Spiegels einen Dämpfer erhalten, nachdem Ärztekammer, Verbraucherzentrale, Patienten-Initiative und große Krankenkassen nach einem Dissens mit der Krankenhausgesellschaft aus der Trägerrolle ausgestiegen waren.

Die Aussteiger wollten die Meinungen von Patienten einfließen lassen und später auch Informationen über Arztpraxen, Alten- und Pflegeheime aufnehmen. Die HKG setzt dagegen ausschließlich auf Daten aus der externen Qualitätssicherung der Kliniken (EQS).

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Schwarzen Schafen Beine machen

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