Ärzte Zeitung, 25.04.2012

Hintergrund

Die Versorgungsforschung stockt!

Das Interesse der Praxen ist enorm. Trotzdem liegt die hausärztliche Versorgungsforschung an der Medizinischen Hochschule Hannover derzeit brach. An den Hausärzten liegt es aber nicht.

Von Christian Beneker

Die Versorgungsforschung stockt! Die Schuld tragen aber nicht die Hausärzte

Ein schneller Datentransfer aus der Praxis-EDV? Das ist nicht möglich.

© shutterstock

An den Hausärzten liegt es nicht, sondern an der Technik. Das Projekt "Beobachtungs-Praxen-Netzwerk" (BeoNet) des Institutes für Allgemeinmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) hat derzeit keine Probleme, Hausarztpraxen zu finden, die ihre Routinedaten für die Forschung zur Verfügung stellen wollen.

"Es hapert aber an der Möglichkeit zum machbaren Datentransfer", sagt Dr. Johannes Hauswaldt, Hausarzt und Mitarbeiter beim BeoNet-Projekt. Kurz: BeoNet stockt.

Das Institut nutzt für seine Forschung die pseudonymisierten Stammdaten, Abrechnungsdaten, Diagnosen (auch Langtext-Diagnosen) sowie die Behandlungs- und Medikamentendaten aus den beteiligten Praxen.

"Auch die Praxen sind für uns nicht mehr erkennbar", versichert Hauswaldt. Die Ideallösung für den Datentransfer wäre der Weg über die Behandlungsdatenschnittstelle (BDT-Schnittstelle), über die jede Praxis verfügt.

Die Idee, die hausärztliche Routinedaten über die BDT- Schnittstelle zu beziehen, haben die Hannoveraner vom Göttinger Projekt "Medizinische Versorgung in der Praxis" (MedViP) übernommen, berichtet Hauswaldt.

Selektivverträge und DMP nicht abgebildet

Zwar hat das Institut in dem Vorläuferprojekt von BeoNet diesen Weg beschritten. "Aber die Industrie hat die BDT-Schnittstelle 1994 das letzte Mal definiert und seither nicht sehr sorgfältig gepflegt", bedauert Hauswaldt.

So sind Disease-Management-Programme oder Selektivverträge in der alten Version nicht abgebildet. Eine Arbeitsgruppe des Qualitätsrings Medizinische Software e.V. (QMS) entwickelt derzeit die neue Version - "BDT 3.0".

"An der BDT-Schnittstelle ist eben 18 Jahren nichts gemacht worden", sagt Gilbert Mohr, Vorsitzender des QMS. Bis zum Sommer will die Arbeitsgruppe eine Probeversion vorlegen.

Im QMS sind Vertreter von Systemhäusern, Medizingeräteherstellern, Lieferanten spezieller Hard- und Software, Unternehmen im Beratungs- und Qualitätssektor sowie KVen zusammengeschlossen. Sie arbeite im Auftrag der KBV, so Mohr.

Die zweite Alternative für BeoNet wäre ein internetbasierter Datentransfer über ein Virtual Private Network (VPN). "Allerdings bespielen Niedersachsens Hausärzte inzwischen mehrere VPNs", sagt Hauswaldt.

"Zum Beispiel ONKeyLINE zur elektronischen Tumordokumentation, eine DMP-Schnittstelle und eine weitere zur Abrechnung. Wenn wir jetzt mit einer weiteren Schnittstelle kämen, wäre das zu viel."

Hausärzte sollen keine Fußsoldaten sein

Das Institut hat die niedersächsischen Hausärzte 2010 gefragt, unter welchen Bedingungen sie Daten zur Verfügung stellen würden. "Die Antwort war klar", so Hauswaldt, "sie machen gerne mit. Aber sie sagen auch: Stört unseren Betrieb nicht. Und diese Forderung ist absolut berechtigt."

Hausärzte, die mitmachen, sollen keine Datenlieferanten und Fußsoldaten sein, wenn es um Versorgungsforschung geht, so Hauswaldt. Sondern es soll für sie simpel und nützlich sein.

Beim BeoNet-Vorläuferprojekt haben rund 160 Praxen mitgemacht. Dass die Arbeit lohnt, zeigen die Ergebnisse. Über das Projekt ließ sich so mancher Irrtum über die hausärztliche Versorgung aufklären.

Hauswald: "So belegen unsere Daten, dass die Zahl der Arzt-Patienten-Kontakte bei den Hausärzten zwischen 1996 und 2006 sehr stabil bei 7,1 Kontakten pro Patient und Jahr lag."

Dass die Hausärzte die Fallzahl in den Praxen keineswegs nach oben treiben, sei auch ein "gesundheitspolitisch brisantes" Faktum.

Auch Hypochonder sind dabei

Auch das Credo, dass ausgerechnet die chronisch kranken Patienten besonders viele Ressourcen im Gesundheitssystem verbrauchten, konnten die Praxis-Daten der beteiligten Kollegen nach Analysen der Allgemeinmediziner an der MHH nicht bestätigen.

"Die fünf Prozent unter den Patienten, die wir als Vielnutzer bezeichnen, nehmen die Ressourcen viel stärker in Anspruch", sagt Hauswald, "und diese Gruppe ist sehr heterogen - Hypochonder sind ebenso dabei, wie Patienten mit unspezifischen und undefinierten psychosomatischen Diagnosen." Vertreter dieser Gruppe kommen im Schnitt 24 Mal im Jahr in die Hausarztpraxis.

Jetzt soll BeoNet die Forschung weiterführen. Aber nicht nur das Institut wartet, auch die beteiligten Praxen müssen sich gedulden. Ihnen hat das Institut angeboten, anhand der gelieferten Daten für ihre Praxis ein Benchmarking zu ermöglichen.

So können die BeoNet-Praxen das Versorgungsgeschehen in ihrer Praxis besser vergleichen und besser bewerten - sobald ein Datenweg frei wird.

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