Ärzte Zeitung, 08.05.2012

Zankapfel Allgemeinmedizin im PJ

Die Diskussion um ein Pflichtquartal Allgemeinmedizin in der neuen Approbationsordnung nähert sich dem Höhepunkt: Am Freitag tagt der Bundesrat dazu. Querschüsse gibt es seit Tagen.

Von Rebecca Beerheide

Zündstoff zwischen Verbänden: Die Allgemeinmedizin im PJ

Vorschriften für die Ausbildung: Bei der Novellierung der Approbationsordnung gibt es heftigen Streit der Fachgesellschaften.

© tiptoee / shutterstock.com

NEU-ISENBURG. Die Verbalattacken im Vorfeld der Sitzung des Bundesrates am kommenden Freitag zur "Ersten Verordnung zur Änderung der Approbationsordnung für Ärzte" haben an Intensität zugenommen.

Während zu Beginn der Diskussion noch die Mobilität der Studenten im PJ im Mittelpunkt der Kritik stand, ist nun die Einführung einer Pflichtzeit in der Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr (PJ) im Kreuzfeuer der Kritik.

Sämtliche Fachgesellschaften und ärztliche Organisationen stellen sich gegen eine verpflichtende Zeit in der Allgemeinmedizin - egal, ob es um ein Tertial oder ein Quartal in der Allgemeinmedizin geht.

Die Studentenvertreter, die gegen ein Pflicht in der Allgemeinmedizin sind, mussten sich vom Vorsitzenden des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, sagen lassen, Studenten würden auch das Examen ablehnen, würde man sie danach fragen.

Kristian Otte, Vorsitzender des Ausschusses der Medizinstudierenden im Hartmannbund, zeigte sich empört: Weigeldt sei offensichtlich schon sehr lange aus dem Studienbetrieb draußen, sagte Otte bei der Vorstellung einer Umfrage des Hartmannbundes unter Medizinstudenten.

Tatsächlich würde jeder angehende Mediziner sehr wohl sein Examen ablegen wollen.

Regierung will Allgemeinmedizin stärken

Es ist erklärter politischer Wille, die Allgemeinmedizin mit dieser ersten Änderung der Approbationsordnung zu stärken. Das Bundesgesundheitsministerium hatte dies in den ersten Entwürfen vergangenes Jahr bekundet, in den Beratungen sind die Länder auf diesen Zug aufgesprungen und schlugen vor, die Allgemeinmedizin in das PJ aufzunehmen.

Der Vorschlag, den vor allem die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) unter Leitung ihres Präsidenten Professor Ferdinand Gerlach erarbeitet hat, künftig das PJ statt in Tertialen in Quartale zu unterteilen, ist bei einigen Ländervertretern auf ein positives Echo gestoßen.

Sämtliche Fachgesellschaften und Standesvertreter reagieren anders: Sie wettern gegen eine Pflichtzeit in der Allgemeinmedizin.

Der Medizinische Fakultätentag, Gegner vieler Änderungen bei der Approbationsordnung, erklärte, dass "ein allgemeinmedizischer Pflichtabschnitt im PJ de facto ein Kontrahierungszwang der Universitäten mit Praxen bedeutet, der unter anderem zur Steigerung der Ausbildungskosten der Universität führt."

Der MFT, als Vertreter der 36 Medizinfakultäten, geht von zusätzlichen Kosten alleine für die Aufwandsentschädigung für Praxisinhaber zwischen 300.000 und einer Million Euro aus.

DEGAM geht von Reduktion der Kosten aus

Diese Kostenrechnung kritisiert die DEGAM scharf. "Diese pauschale Behauptung ist falsch", heißt es in einer Erklärung, die der "Ärzte Zeitung" vorliegt.

Die DEGAM rechnet vor, dass durch eine Neuaufteilung des PJ in den Fächern Innere Medizin und Chirurgie sowie in allen anderen Wahlfächern eine deutliche Aufwandsreduktion erreicht werden könne.

"Die frei werdenden Kapazitäten und die dafür bisher vorgesehenen Mittel müssten lediglich intern umverteilt werden", so die DEGAM.

Gemeinsam mit der Gesellschaft der Hochschullehrer für Allgemeinmedizin (GHA) wurden Empfehlungen für die PJ-Aufwandsentschädigungen ausgearbeitet.

Für Arztpraxen schlagen beide Gesellschaften einen Tagessatz von 30 Euro vor. Rechnet man für 60 Arbeitstage (ein Quartal) mit insgesamt 1800 Euro als Entschädigung, dann wäre dies "deutlich geringer als im klinischen Bereich". Somit könnten "Einsparungen gegenüber dem Status quo erzielt werden".

In dem Erläuterungsdokument des Bundesrates zur Änderung der Approbationsordnung wird mit einem "einmaligen Umstellungsaufwand" von etwa 2,7 Millionen Euro gerechnet.

[09.05.2012, 22:22:03]
Dr. Klaus G. Meyer 
PJ-Tertiale in spezialisierten Einrichtungen abschaffen
Zunächst möchte ich etwas provokativ hinterfragen, inwieweit die Pflichttertiale in der Inneren Medizin und Chirurgie Sinn machen, wo diese Fächer inzwischen so spezialisiert sind, dass ein vernünftiges Lernen im Sinne eines "Praktisches Jahres" gar nicht mehr erfolgen kann.
Um praktische Fähigkeiten mit Einbeziehung der Ganzheitlichkeit des Patienten zu erfahren wäre umgekehrt ein Abschaffen von PJ-Tertialen in spezialisierten Einrichtungen überlegenswert. Das Fach Allgemeinmedizin bietet insofern dem PJtler ausgezeichnete Möglichkeiten, Fähigkeiten zu erlernen und zu vertiefen, die das Wort "praktisch" auch verdienen. Insofern halte ich es für sinnvoll, den ersten Abschnitt des Praktischen Jahres im allgemeinmedizinischen Bereich als Pflicht einzuführen, in dem der PJtler seine Grundfähigkeiten von Anamnese und Untersuchung vernünftig vertiefen kann, um dann in dem Fach seiner Wahl sich auf seine zukünftige Tätigkeit vorbereiten kann.
Dr. K. G. Meyer
Facharzt für Allgemeinmedizin
Kassel
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[09.05.2012, 10:16:15]
Prof. Dr. Ulrich Schwantes 
PJ - Pflichtquartal in der Allgemeinmedizin ist basale Ausbildung
Als Vorsitzender des Hausärzteverbandes Brandenburg begrüße ich ausdrücklich, die Allgemeinmedizin zum Pflichtfach im PJ zu erheben. Es ist von ganz besonderer Bedeutung, wenn alle jungen Ärztinnen und Ärzte vor dem Eintritt in die Weiterbildung eine fundiertere Erfahrung in der täglichen Praxisrealität sammeln: Die Wahrnehmung des Patienten als ganzen Menschen, eingebettet in sein soziales Umfeld (Familie, Freunde, Arbeitswelt); nicht selektioniert nach organ- oder körperteilbezogenen Krankheiten oder diagnostischen, bzw. therapeutischen Spezialisierungen; Umgang mit chronisch und multimorbiden Kranken; ressourcenbewusste Entscheidungen in Diagnostik und Therapie bei Wahrung der individuellen Bedürfnisse. Das sind nur einige Beispiele aus der verantwortungsvollen Realität der Allgemeinärzte, die sich im klinischen Alltag nicht wieder finden lassen.
Die Ausbildungsbedingungen sind in der Praxis ideal: je Studentin/Student eine Ärztin/Arzt im Facharztstatus. So wie die Ausbilder sich für die Belange ihrer Patienten engagieren (koordinierend, kooperativ, zusammenfassend zum Gesamtbild), werden sie sich für „ihre Studenten“ kollegial engagieren.
Vielleicht kann sich die eine oder der andere dafür erwärmen, angeregt durch gutes Beispiel ebenfalls den anspruchsvollen Beruf des Hausarztes zu ergreifen. Das wäre ja schön. Es ist aber nicht primär für die Einführung eines Pflichtquartals Allgemeinmedizin im PJ.
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[08.05.2012, 22:52:36]
Dr. Sabine Wedekind 
PJ-Allgemeinmedizin - Pflichttertial/-quartal
Den Kommentar, den der Kollege Weigelt auf die Initiative der Studenten gegeben hat, zeigt wie nah er den Studenten ist. Er kann sich wohl sehr gut seiner eigenen Studienzeit erinnern. Honi soit qui mal y pense!
Ein Pflichttertial bzw. -quartal würde nicht nur in Allgemeinmedizin dann zu fordern sein, sondern auch in den Fächern Urologie, Rechtsmedizin, Psychosomatische Medizin, Pharmakologie usw. Die Diskussion des monetären Aufwandes ist hier nur schädlich für alle Beteiligten. Es stellt sich vielmehr die Frage, ob die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen der Allgemeinmedizin auch bereit wären, Studenten in ihre Praxis aufzunehmen bei der engen Arzt-Patienten-Beziehung, die vergleichsweise zur Klinik vorhanden ist. Würden genügend PJ-Plätze vorhanden sein und würde nicht wegen fehlender Plätze und Ausbildungsmöglichkeiten erneut ein "Flaschenhals" und eine Studienverlängerung entstehen? Meines Erachtens wird hier wieder eine neue Bestimmung populistisch vorangetrieben.  zum Beitrag »
[08.05.2012, 21:49:50]
Dr. Uwe Wolfgang Popert 
Zank ums Geld statt Zukunftspespektiven
Das Gezetere der bisher profitierenden kliniksgebundenen PJ-Fächer ist verständlich, aber realitätsfremd und zukunftsfeindlich.

Bezeichnenderweise hat keiner der Kritiker bisher ein Gegenmodell vorgelegt, wie man die Allgemeinmedizin anders fördern will.

Das zeigt nur, wie dringend notwendig gerade für die jetzigen Kliniker eine Pflichtzeit in der Primärversorgung gewesen wäre. Bisher hat ja fast keiner von denen mal praktische Erfahrung ausserhalb ihres Versorgungsbereiches gemacht. Das nennt man Betriebsblindheit.

Oder anders: wie kann man weiterhin die Notwendigkeit eines mehrmonatigen Pflegepraktikums rechtfertigen, Erfahrungen in dem Primärversorgungsbereich aber ablehnen?

Es geht ja hier nicht nur um ein Fach - es geht um den größten Versorgungsbereich! Im Bereich der Niedergelassenen werden immerhin 95%, in der Hausarztmedizin etwa 60% der Patientenanliegen behandelt.
Will man wirklich weiterhin das Ausbildungsmonopol ausgerechnet dem klinischen Versorgungsbereich belassen, der nur 5% der Behandlungsanlässe versorgen kann? zum Beitrag »

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