Ärzte Zeitung, 15.11.2012

Leitartikel

Die Zeit der Selbstausbeuter geht zu Ende

Mehr als acht Prozent der niedergelassenen Ärzte sind von Burn-out bedroht. Das sind schlechte Nachrichten für einen Berufsstand, dem der Nachwuchs nicht gerade in Massen zuströmt. Die Arbeitsbedingungen der niedergelassenen Ärzte gehören deshalb immer wieder auf den Prüfstand.

Von Anno Fricke

Die Zeit der Selbstausbeuter geht zu Ende

Ausgebrannt und erledigt. Acht Prozent der Ärzte stehen am Rande des Burn-outs.

© Thinkstock LLC / Photos.com plus

Hohe Patientenzahlen, lange Wochenarbeitszeiten, fehlende Freizeit und Unzufriedenheit mit der Entlohnung lassen rund acht Prozent der niedergelassenen Ärzte an ihrem Job zweifeln. Es ist ausgerechnet die Gruppe von Ärzten, die sich am stärksten für den Arztberuf berufen fühlen.

Knapp 58 Prozent dieser vom Burn-out bedrohten Ärzte sehen in der Medizin eine Berufung. Bei den Ärzten mit höherer Frustrationstoleranz ist das nur bei knapp der Hälfte der Fall.

Das ist eines der Ergebnisse einer Detailanalyse des "Ärztemonitors" durch die Brendan-Schmittmann-Stiftung.

Eigentlich müsste der Spaßfaktor ärztlicher Arbeit ab 1. Januar 2013 deutlich steigen. Das ist das Verfallsdatum der Praxisgebühr.

Berechnungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zufolge müsste ihr Wegfall in den Praxen im Schnitt rund 120 Stunden im Jahr freisetzen, die Ärzte und ihre Teams anders als für den Gebühreneinzug verwenden können ...

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[15.11.2012, 20:43:27]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Einfallstor zur Selbstausbeutung!
Der "Spaßfaktor" der kassenärztlichen Tätigkeit wird durch den Wegfall der Praxisgebühr ab 1.1.2013 wohl kaum gesteigert. Dafür geht die von GKV-Kassen und Patienten geschärfte Schere der "all-you-can-eat"- bzw. "flatrate"-Mentalität versus vernunftgesteuertem ärztlichen "Wirtschaftlichkeitsgebot" nach § 12 SGB V immer weiter auseinander.

Ein wesentlicher Anteil an der ärztlichen Selbstausbeutung ist der Tatsache geschuldet, dass jede/r Vertragsarzt/-ärztin zur umfassenden ärztliche Behandlung auf dem aktuellen Stand des medizinischen Wissens verpflichtet ist. Zivil- und strafrechtlich gebotene Standards des individuellen Behandlungsvertrags (Dienstvertrag §§ 611 f. BGB und §§ 223-229 StGB) geben dies vor.

Doch nach dem Sicherstellungsauftrag gilt § 12 Absatz 1 des Sozialgesetzbuches V: "Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten". Mit derartigem "Wirtschaftlichkeitsgebot" als Fußfessel müssen Vertragsärzte grundsätzlich immer m e h r Leistungen und ein Mehr an Arbeit erbringen, da der juristisch ü b e r g e o r d n e t e Behandlungsvertrag für alle Beteiligten forensische Priorität hat.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[15.11.2012, 15:39:35]
Dipl.-Psych. Roland Hartmann 
Selbstausbeutung (und Fremdausbeutung!) auch bei den Psychotherapeuten
Sehr geehrte Damen und Herren der Redaktion,

Allem in dem Artikel geschriebenen kann ich nur uneingeschränkt zustimmen. Als ergänzende Information zum Thema "Ausbeutung" möchte ich gerne noch auf die Lage der Psychotherapeuten (als "Facharzt"-Gruppe) hinweisen:
Die Abschaffung der Praxisgebühr spielt in meiner Berufsgruppe sicher keine zentrale Rolle. Psychotherapeutische Leistungen sind zeitgebunden mit 25, 50 oder 100 Minuten Dauer pro Patient. Insofern fallen nur zu Quartalsbeginn einige Praxisgebührquittungen an (Anftäglich maximal ca. 10).
Viel gravierender zum Thema Ausbeutung muss in meiner Berufsgruppe die Verpflichtung zur schriftlichen Antragstellung für jeden (!) Patienten ab der 1. oder spätestens 26. Behandlungsstunde genannt werden. Je nach Länge einer Psychotherapie kommen somit zwischen einem und 4 Gutachten zusammen. Jedes dieser Gutachten bedeutet Arbeitsaufwand von 2-5 Stunden (Durchschnittlich ca. 3 Stunden). Diese Gutachten werden de facto nicht oder nur sehr gering bezahlt (je nach KV und Gutachtenform ca. 40-50 Euro). Rechnerisch ergibt sich somit ein Honorar für diese Gutachten in Höhe von ca. 10 Euro brutto/Stunde.
Diese Gutachten sind neben der eigentlichen Arbeitszeit zu leisten.

Wenn ich aus persönlicher Erfahrung berichten darf: Ich sitze durchschnittlich an 1-2 Abenden jede Woche, meist zwischen 20 und 23 Uhr an diesen Gutachten, wahlweise auch am Wochenende. Die eh schon spärliche Freizeit bei einer ca. 60 Stundenwoche wird somit noch weiter geschmälert. Dies alles übrigens bei einem Gesamtnettohonorar, welches ca. der Hälfte des (auch viel zu geringen!) durchschnittlichen Nettoarzthonorares beträgt.

Zu dieser Gutachtenschreiberei ist meine Berufsgruppe aufgrund der gesetzlichen Rahmenbedingungen seit nunmehr über 40 Jahren gezwungen. Demnächst soll das sogenannte Gutachterverfahren nach Plänen der KBV und des Spitzenverbandes der GSK noch um ca. 50% Arbeitsmehraufwand erhöht werden, bei zugleich fallenden Honoraren. Dann werde ich vermutlich noch einen Abend länger und für noch weniger Honorar an den Gutachten sitzen.

Wichtig hierbei zu wissen sind die folgenden Fakten:
- Es gibt keinen (!) wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit des Gutachterverfahrens für die Qualität meiner Arbeit. Vielmehr legen die offiziellen Daten nahe, dass dieses Gutachterverfahren ca. 5% der Kosten für Psychotherapie ausmacht, zugleich aber nur ca. 3% nachweisbar an Kosten reduziert (weil überhaupt nur 3% der Gutachten von sogenannten "Gutachtern" abgelehnt werden). Für die somatische Medizin belaufen sich meiner Kenntnis nach die durchschnittlichen Kosten für Qualitätssicherung auf ca. 0,25%.
- Psychotherapie hat eine hohe wissenschaftlich nachgewiesene Wirksamkeit (Effektstärke>1; pro investiertem Euro ca. 2-4 Euro Outcome; nachzulesen in der TK-Studie).
- jährlich werden ca. 300.000 Gutachten von meiner Berufsgruppe zwangsgeschrieben, was somit ca. 900.000 Stunden nicht patientengebundener Zusatzarbeit (neben den weiteren Verwaltungsaufgaben, Behandlungsprotokollierungen, etc.) bedeutet. In der gleichen Zeit hätten bei einer durchschnittlichen Behandlungsdauer pro Psychotherapie ca. 22500 Patienten mehr behandelt werden können.
- in der somatischen Medizin ist mir (meines Wissens nach) keine solch umfangreiche und zugleich "Qualitätssicherungsmaßnahme" mit so hohen Kosten und erwiesenerweise kompletter Unwirksamkeit bekannt.
- Abgesehen davon bedeutet dieses Gutachterverfahren, dass meiner Berufsgruppe selbst nach 45 Jahren (seit der Aufnahme der Psychotherapie in den Heilmittelkatalog) bzw. seit 13 Jahren (seitdem die Berufsordnung uns Psychotherapeuten durch das Psychotherapeutengesetz den Fachärzten juristisch gleichgestellt hat: Approbation mit Staatsexamen) noch immer die fachliche Qualifikation abgesprochen wird, selbständig einen Behandlungsplan aus den Daten des Patienten abzuleiten und durchzuführen. So etwas gibt es sicherlich bei keiner anderen approbierten Berufsgruppe im Gesundheitssystem.

Es wäre schön, wenn Sie einmal über dieses Thema einen Artikel schreiben könnten. Gerne stehe ich Ihnen dabei als Autor oder mit weiterem Quellenmaterial zu Verfügung.

Dipl.-Psych. Roland Hartmann
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