Ärzte Zeitung online, 21.12.2012

Köhlers Ironie

Hitler und Merkel bei der Weihnachtsfeier

Der KBV-Chef in der Bredouille: Auf der Weihnachtsfeier nennt er Angela Merkel und Adolf Hitler in einem Atemzug. Jetzt sagt er: Das war alles nicht so gemeint.

Hitler und Merkel bei der Weihnachtsfeier

Momentan hat er nicht gut Lachen: Andreas Köhler.

© dpa

BERLIN. Weihnachtsfeiern bringen so ihre Eigenheiten mit sich, vor allem dann, wenn sie auch noch einen dienstlichen Hintergrund haben. Die Sekretärin tanzt auf dem Tisch, über die neue Affäre des Kollegen mit einer anderen Kollegin wird getuschelt, und zu guter Letzt zieht der Chef auch noch makabere Komik vom Leder.

Und all das, wo es doch immer ein bisschen kriselt in der Firma, die letzte Gehaltserhöhung nicht gekommen ist, zwei Abteilungen sich gegenseitig bekriegen und überhaupt das ganze Haus gerade umgekrempelt wird - samt Personaleinsparung und Entbürokratisierung.

So oder ähnlich dürfte es auch manchem dieser Tage in der KBV vorkommen, denn die dortige Weihnachtsfeier war eine Bescherung der ganz besonderen Art.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hatte einige Hundert Mitarbeiter und Gäste zum Jahresausklang versammelt, als ihr Chef Dr. Andreas Köhler folgendes sprach: "Julius Cäsar, Karl der Große, Napoleon, Adolf Hitler, Angela Merkel - die Liste der Staatsleute, die versuchten, Europa zu einigen, ist sehr lang. Und stets scheiterten die Bemühungen an folgendem: Niemand kann sich vorstellen, zusammen in ein und demselben Haus Europa zu wohnen."

Berichtet hat das die "Welt" unter dem pompösen Titel: "Ärztechef stellt Merkel in eine Reihe mit Hitler". Dementiert hat das Zitat bislang niemand, weder Köhler noch sein Sprecher.

Warum, so die Frage, stellt der Chef einer Körperschaft des öffentlichen Rechts die amtierende Regierungschefin mit einem deutschen Diktator in eine Reihe? Oder, fragen sich böse Zungen, wollte er ernsthaft einen Vergleich zwischen dieser und jenem anstellen?

War es der Glühwein, wie der Linken-Politiker Harald Weinberg in der "Welt" vermutete? War es ein "geschmackloser, idiotischer Vergleich" wie SPD-Mann Karl Lauterbach in dem Blatt meinte, oder war es doch eher der von Grünenpolitikern Biggi Bender bezeichnete "eklatante Fehlgriff"? Womöglich war es von allem etwas - zumindest von letzteren beiden.

Für Köhler selbst war es wohl nicht mehr als eine rhetorische Figur, schlicht Ironie. "Die Ansprache auf einer Mitarbeiter-Weihnachtsfeier beschäftigte sich in ironischer Art und Weise mit einem Vergleich der Dezernate der KBV mit europäischen Ländern", ließ er auf Anfrage mitteilen.

Ihm ging es um den Vergleich der KBV mit Europa. Schon das sei vermessen, mögen manche meinen. Doch in der Sache war Köhlers Frage diese: Wie soll man ein großes Ganzes schaffen, wenn alle nur in ihren Egoismen weilen?

Was in Europa die Nationalstaaten sind, nennt sich in der KBV Dezernat. Derer gibt es immerhin acht, zuzüglich einer Rechtsabteilung, diverser Referate und Stabsstellen. Und wie es in Europa zum guten politischen Ton gehört, sind zwar alle für das große Projekt, aber nur solange ihre Macht nicht noch weiter beschnitten wird.

Auch die KBV steht offenbar vor dem Europa-Dilemma. Sie will ihre Strukturen verschlanken, sich reorganisieren, Dezernate zusammenlegen - ein Projekt, bei dem gehobelt wird. Und dann fallen Späne.

In der Vergangenheit sind ähnliche Reformanläufe im Sande verlaufen. Im kommenden Jahr will der Vorstand einen neuen Versuch wagen. Und so muss sich Köhler gedacht haben, präsentiert er seinen Mitarbeitern doch schon mal einen kleinen Vorgeschmack auf das Projekt "Europa".

Doch die Rechnung hat der Wirt ohne die Gäste gemacht. Schließlich muss es der Zuträger des Köhlerzitates ein solcher gewesen sein. Die "Welt" zitiert einen namentlich nicht genannten Mitarbeiter mit den Worten: "Dieser Vergleich hat viele von uns geschockt."

Und: "Als der Name Adolf Hitler in einem Atemzug mit Angela Merkel fiel, ging ein Raunen durch den Saal." Da war sie dann wohl dahin, die Weihnachtsstimmung.

Auch KBV-Chef Köhler zweifelt nun an seinem historischen Abriss: "Offenbar - und das zu meinem großen Bedauern - ist die Ironie nicht von allen verstanden worden." Anders könne er es sich nicht erklären, dass ein "aus dem Zusammenhang gerissenes, unvollständiges Zitat an die Medien lanciert worden ist".

Und so hilft ihm nur ein kleines mea culpa: "Ich betone ausdrücklich, dass ich das politische Wirken von Frau Merkel für ein friedliches Europa ausdrücklich begrüße." (nös)

[22.12.2012, 16:18:28]
Dipl.-Med Matthias Junk 
Feiges Denunziantentum
Erschreckend, dass ohne äußeren Druck diese kleinen Petzen - schlimmer als in totalitären Regimen die gedungenen Zuträger und Spitzel der geheimen Staatspolizeien - in unserer als frei bezeichneten Staatsform geradezu frei-willig aus nichts anderem als dem persönlichen (deutschen ???) Klein- und Gemeinheitsgebot denunzieren und anschwärzen und "petzen".
Ein Mensch mit Größe und einem Minimum an Sachverstand, Empathiefähigkeit oder sozialem Situationsgespür hätte entweder (erstens) gemerkt, dass Herr Kollege Köhler alles andere als sagen wollte, dass Frau Merkel und der Irre Hitler als gleiche in einer Reihe stehen (so eine unverschämte Unterstellung erstmal zu denken, erscheint mir schon diagnosebedürftig, sie denunzierend zu begehen als ahndungsrelevant - und sei es durch Veröffentlichung des Petze-Namens), oder (zweitens) hätte die Größe gehabt, Herrn Kollege Köhler unmittelbar oder mittelbar auf die potentielle "Missverständlichkeit bei Böswilligkeit" hinzuweisen, die in der beschriebenen Namensaufzählung der Europa-Einigkeits-Betreiber durchaus steckt, wie Herr (Kollege?)Breiden in seinem obigen Kommentar schön gezeigt hat, um ihn - Herrn Köhler selbst - zu einer besseren Ausdrucksweise für die gemeinte Metapher und ggf. möglichen Korrektur noch während der besagten Öffentlichkeits-Situation zu inspirieren.
Ich schäme mich schon wieder fremd. Nicht für den KBV-Chef, sondern für den anonymen ("namenlosen" - etwa auch bedeutungslosen?) "IM Meldungsmacher".
Wenn ausschließlich nur all jene in aller Öffentlichkeit reden dürften, deren "Rede an sich" tadellos durch die Zensur der grammatikalischen und didaktischen Besserwisser hindurchflutscht, dann gäbe es noch mehr, die sich gar nicht erst getrauen, etwas öffentlich zu machen, was dringend "gesagt" werden sollte, weil sie befürchten müssen, dass nicht über den Inhalt, sondern über den Ausdruck geklugschei.... wird.
Und dann hätten wir vielleicht noch mehr leere Phrasen zu enttarnen als ohnehin schon.
Und würden noch mehr von all den redegewandten Schaumschlägern an der Nase herumgeführt, wie es z.B. bei dem von "Hohlrednern" herbeigeführten parlamentarischen Blindflug bei der mehrheitlichen Zustimmung zur gesetzlichen Genitalverstümmelungs-Erlaubnis kleiner Jungen in unser aller Mitte geschehen ist.
Auch dabei wurde von den religiös fundamentalistischen Befürwortern der Kinderverstümmelung in offener Diskussion gern auf die deutsche Verbindung zur unmenschlichen Zeit der Nazi-Herrschaft verwiesen mit dem gewollten Seitenhieb auf uns heutige Kritiker, ohne in aller Öffentlichkeit wegen der Frechheit, so eine Verbindung rhetorisch herzustellen, ordentlich abgewatscht zu werden.
Es darf doch nicht sein, dass einerseits geradezu fast irrsinnigerweise gewollt mit der Behauptung zur Nazi-Nähe eine Öffentliche Meinungsbildung demagogisch verzerrt werden darf, ohne dass es "Artikel hagelt" (oder sind selbst die Redakteure schon lange nicht mehr frei und potent im Denken und Handeln?), wie es wiederholt bei der multimedial geführten Debatte zur Konformität mit dem Deutschen Grundgesetz bei der generellen Erlaubnis der religiösen Circumcision geschehen ist - und andererseits nur eine unabsichtliche rhethorische Ungeschicklichkeit wie hier beim KBV-Chef (oder vor Jahren entfernt ähnlich bei Frau Eva Herrmann) die wilde Meute der Kommentatoren aufjaulen lässt.
Wenn die Meinungs-Spiegel-Halter mit Verstand, Gewissen und Empathie vorgehen würden, würde es sicher nicht zu an sich lächerlicher Aufblähung kommen wie hier bei der verunglückten Namensliste der Weihnachtsrede.
Und andererseits hätten dann die fundamentalistischen Selbstbeweihräucherungen der archaischen OPFERER nicht zu dieser Meinungsbildung in der Sache mehrfach beschämenden neuen Gesetzes-Abstimmung zur religiösen Kinderbeschneidung führen können.
"Komiker-Nation" trifft's da schon - aber in geradezu gegenteiliger Richtung, wie Frau Merkel irrigerweise initial in die öffentliche Debatte geworfen hatte...Die Weltöffentlichkeit hätte über den Mut zu einem ersten Schritt in eine Neue Zeit, die frei werden muss von religiösen Zwängen, welche letzlich die regelmäßigsten Gründe für Kriege in der Geschichte der Menschheit waren UND SIND, nicht gewitzelt. Fundamentalisten hätten gejault - das ist aber auch die einzige Lautäußerung, die fortschrittliche Gesellschaftsordnungen ihnen noch regelmäßig zubilligen sollten...
Und humanistisch - fortschrittliche Strömungen hätten sehr gut verstanden, was das für einen großen hellen Geist und Mut erfordert, gesunden modernen Menschenverstand und säkulares Staatswesen über fundamentalistisch-mythische Weltsichten zu stellen - und hätten es (vielleicht erst einmal etwas stiller, da nicht so mutig...) begrüßt.
Und sehr wohl gewußt, dass das nicht das mindeste mit faschistischen oder völkerverhetzenden deutschen Zeiten zu tun hat - genau so wenig, wie es das Nennen des Namens Hitler allein schon auslösen darf, dass man wie eine verschreckte Kleininderschar kreischend auseinanderläuft, weil jemand den bösen Wolf auch nur erwähnt.

Matthias Junk, Ki-Ju-Arzt, Leipzig
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[21.12.2012, 19:33:51]
Werner Breiden 
Köhler unter Druck
Es hätte eine einfache Formulierung gegeben,die niemanden aufgeregt hätte:Diktatoren wie Napolion,Hitler, Mussolini,und Stalin haben im Bösen versucht, Europa unter ihrer Herrschaft zu vereinigen. Kein Erfolg. Kohl und Merkel haben in guter demokratischer Manier versucht ein vereintes Europa zu schaffen. Kein Erfolg. Wie soll man um Himmelswillen diese Sisiphos-Aufgabe schaffen das schwierige europäische Haus zu bauen?
Ein Mann wie Köhler, der unter Druck steht, tritt leicht in Fettnäpfchen. Er vergißt,:"Wir sind nur Herr der Worte, die wir nicht gesagt haben und Sklaven der Worte, die wir gesprochen haben.
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[21.12.2012, 15:39:26]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Frohe Weihnacht bei der KBV?
Die widerstreitenden Dezernate der KBV mit europäischen Ländern wie Griechenland, Spanien, Portugal oder Italien vergleichen zu wollen, ist nicht Ironie der Idee eines geeinten Europas, sondern schicksalhafte Peinlichkeit. Und ein weiteres "Fettnäpfchen" der besonderen Art ist, dass der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, abgesehen von unserer Bundeskanzlerin, Frau Dr. Angela Merkel, ausschließlich Diktatoren, Despoten, Autokraten und Unterdrücker in eine Reihe stellt, die andere Länder unterjochen oder ausrotten wollten; die innereuropäische Vernichtungsfeldzüge bis zu Pogromen, Genoziden und Weltkriegen geführt haben.

Wie froh können wir sein, dass er uns zur Weihnachtsfeier nicht auch noch Josef Wissarionowitsch Stalin beschert hat, der mit harter Hand auch eine europäische Idee von Vernichtungslager, Terrorregime, linientreuem Kommunismus und bedingungsloser Unterwerfung hatte. Alles in Allem kommen auf KBV-Mitarbeiter/-innen in 2013 strategisch harte Zeiten zu. Da möchte mancher doch lieber offene, demokratische, "europäische" Entscheidungsfindungen und empathisches Abwägen haben, als den Kadavergehorsam längst vergangener a n t i-europäischer Staatenbildungen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[21.12.2012, 12:04:12]
Dr. Karlheinz Bayer 
von Köhler, Hitler und der politischen Korrektheit

Oh je, wer in Deutschland "Hitler" in den Mund nimmt ...
Man kann dem Phänomen des Hitler-Ge- oder Mißbrauchs entweder bierernst oder nur ironisch begegnen.

Ironisch?

"Hätte Köhler Helmut Kohl statt Adolf Hitler gesagt, wäre alles in Ordnung!" - und schon wieder stehe ich mit einem Fuß im Fettnapf.
Herta Däubler-Gmelin hatte die politischen Methoden von US-Präsident George Bush mit denen von Adolf Hitler verglichen. Und sich damit ins Abseits gesetzt. In meinen Augen nicht!

Charly Cheplin hat es gewagt, sich mit seinem "Der große Diktator" gegen den damals amtierenden Staatschef Adolf Hitler zu stellen, und ihn sogar lächerlich zu machen. Das ist dasselbe, was Frau Däubler-Gmelin mit einem amteirenden Staatsoberhaupt getan hat.

Warum kann man in diesem Land nicht einfach auch die Regierung von 33 bis 45 namentlich erwähnen? Es gab Adolf Hitler! Und er hat dieses Land geprägt bis weit in unsere Tage. Frau Merkel entstammt einem Land, das durch die Europa-Ideen dieses Adolf Hiltler überhaupt erst entstanden ist. Wäre sie ohne die Wiedervereinigung des durch Hitler geteilten Deutschland jemals Kanzlerin geworden? So gut ist sie nicht, und andere Anlässe, daß sie Kanzlerin wird als die deutsche Teilung gibt es nicht.

Gut, das hat Köhler sicher nicht gemeint, als er die beiden in einem Atemzug genannt hat, aber es ist so. Napoleon und Karl der Große sind wesentlich weiter weg als dieser Adolf Hitler. Aber es stimmt, wenn diese Menschen etwas verbindet, dann ist es Europa und wie sie alle dieses Europa für sich und ihre Interessen nutzen oder mißbrauchen wollten.

Margarete Mitscherlich hat die Frage gestellt, warum gerade wir (wir!) Ärzte dem Nationalsozialismus und dem Rassenwahn so verfallen sind. Ihre Antwort war, das es wohl um den "Machtrausch der Ärzte-Elite" gegangen sein muß. "Hitlers willige Vollstrecker" waren die Ärzte. Und sind Ärzte - diesmal Herr Köhler - wenn sie Funktionäre sind, nicht immer in dieser gefährlichen Nähe zu der Politik?

Manfred Lütz meinte unlängst, Hitler wäre wäre "mit ein paar Psychopharmaka und ein bisschen Arbeitstherapie" als Diktator und Weltkriegsauslöser verhinderbar gewesen, hätte man ihn als das erkannt, was er war, nämlich so verrückt, "wie mancher Biedermann treuherzig vermutet".

Alles das darf man sagen und schreiben, aber wie kann man Hitler und Merkel in einem Atemzug nennen? Man kann. Man stellt Hitler und Merkel damit nicht auf eine Stufe, aber man darf auch solche Kombinationen vornehmen. Auch als KV-Chef. Vielleicht gerade als solcher, aber ich habe die "Weihnachts"-Rede nicht gehört.
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