Ärzte Zeitung online, 02.08.2013

Gesundheitsberufe

Schnelle kompetente Hilfe zu niedrigen Löhnen

Eine Studie zeigt: Akademisierung und zunehmende Spezialisierung verändern die Gesundheitsberufe. Oft bleibt die Zufriedenheit der Beschäftigten und der Patienten dabei auf der Strecke.

Von Sunna Gieseke

Schnelle kompetente Hilfe zu niedrigen Löhnen

Ein Junge bei der Physiotherapie.

© Dan Race / fotolia.com

BERLIN. Mit rund 5,5 Millionen Beschäftigten ist die Gesundheitswirtschaft Deutschlands größter Wirtschaftszweig. Die Gesundheitsberufe stehen jedoch immer mehr in einem Spannungsfeld unterschiedlichster Interessen:

Das Management will Effizienzreserven heben und entwickelt vielfältige Tätigkeitsprofile mit oft engen Spezialisierungen, die schnelle kompetente Hilfe zu niedrigen Löhnen versprechen.

Das ist ein Fazit der Studie "Vom Berufebasteln zur strategischen Berufsbildpolitik" des Instituts Arbeit und Technik Gelsenkirchen (IAT), das im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt wurde.

Die Berufslandschaft im Gesundheitssektor sei inzwischen kaum noch überschaubar, so die Studienautoren. Die Patientenorientierung drohe auf der Strecke zu bleiben. Der Grund dafür seien die Vielzahl neuer Bildungsangebote, Spezialqualifikationen und erweiterter Kompetenzprofile.

Angebot wird immer unübersichtlicher

Auch die zunehmende Akademisierung vieler nicht-ärztlicher Heilberufe sorgt für Unübersichtlichkeit bei den Gesundheitsberufen. Sie gelte jedoch als sinnvoll und alternativlos, so die Wissenschaftler.

Bei den betreffenden Studierenden könnte die Unübersichtlichkeit allerdings zu Unsicherheiten führen: Für sie sei es oft unklar, auf welche Stellen sie sich bewerben können und welche Bedingungen gegeben sein sollten.

"Eine strategische Berufsbildungspolitik für die Gesundheitsberufe, systematisch verknüpft mit einer menschengerechten Arbeitsgestaltung, steht seit langem aus", so die Studienautoren. Sie empfehlen, innovative Gestaltungsansätze auf Praxistauglichkeit zu prüfen.

Die IAT-Forscher werben insbesondere für einen "Berufsbildungsbericht Gesundheitswirtschaft". Er soll eine empirisch fundierte Berichterstattung zur Lage und zur Entwicklung von Qualifikationen, Tätigkeiten und Arbeitsroutinen enthalten sowie ein wissenschaftliches Trendmonitoring über innovative Gestaltungsmöglichkeiten.

Starker Improvisations- und Zeitdruck

Besonders die Kliniken stehen im Fokus der Studienautoren: "Insgesamt findet in der Welt der Krankenhäuser eine dynamische Erneuerung der Berufsbilder statt, die weder in ihrer Ausrichtung noch mit Blick auf die zu erwartenden Ergebnisse strategisch fundiert ist."

Die Arbeit der Menschen in Krankenhäusern habe jedoch unmittelbare Auswirkungen auf die Heilungserfolge und das Wohlergehen der Patienten.

Gleichzeitig warnen die Studienautoren vor einem Fachkräftemangel. "Es besteht die konkrete Gefahr, dass mittel- und langfristig die Arbeitskräfte knapp werden."

Regional und bezogen auf bestimmte Berufe sei dies heute bereits Realität, so die Studienautoren. Die Verantwortlichen in Gesundheitseinrichtungen und Unternehmen müssten sich um Fachkräftegewinnung kümmern, fordern sie. Zudem müsse der Arbeitsplatz so attraktiv werden, dass die Menschen auch in ihrem Beruf bleiben.

Allerdings sei die Arbeit besonders in Krankenhäusern derzeit noch davon geprägt, dass die Prozesse oft schlecht organisiert seien und nur wenig Patienten- und Mitarbeiterorientierung erlaubten.

"Dies bringt Improvisations- und Zeitdruck mit sich", heißt es in der Studie. Zudem werde die Arbeit im Vergleich mit Berufen in anderen Branchen, die ein ähnliches Kompetenzniveau und ähnliche Tätigkeiten erforderten, eher schlecht bezahlt.

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