Ärzte Zeitung, 15.07.2014

Ohne Gang zur Polizei

Rechtsmediziner helfen Gewaltopfern

Gewalt in der Familie ist kein seltenes Phänomen. Opfer scheuen aber oft eine Strafanzeige bei der Polizei. Mit "ProBeweis" haben Rechtsmediziner aus Hannover eine Einrichtung geschaffen, die Beweismittel sichert.

Von Christian Beneker

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Gewalt durch Angehörige: Hier ist die Hemmschwelle zur Strafanzeige groß.

© Miriam Dörr / fotolia.com

HANNOVER. Das niedersächsische Netzwerk "ProBeweis" hat in den ersten beiden Jahren seines Bestehens 181 Frauen und sechs Männer mit Gewalterfahrungen geholfen.

Seit zwei Jahren arbeitet das Netzwerk, ausgehend vom Institut für Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), als Modellprojekt. Den Opfern körperlicher und / oder sexueller Gewalt wird außer in Hannover in derzeit 15 Städten Niedersachsens die Möglichkeit gegeben, ihre Verletzungen kostenfrei und gerichtsfest dokumentieren und Spuren sichern zu lassen - ohne sofort eine Strafanzeige erstatten zu müssen.

Die Anzeige kann dann später nachgeholt werden. Das niedersächsische Sozialministerium finanziert das Projekt drei Jahre lang.

Jede dritte Frau in Deutschland werde Schätzungen zufolge mindestens einmal im Leben Opfer häuslicher Gewalt oder einer Sexualstraftat, teilt die MHH mit. Die meisten dieser Übergriffe geschehen durch den Ehe- oder Lebenspartner.

Deshalb fürchten sich die Betroffenen, ihre Rechte wahrzunehmen und bei der Polizei eine Anzeige zu erstatten. Falls sie sich später doch zu dem Schritt entscheiden sollten, sei für eine erfolgreiche Strafverfolgung aber eine frühe und gerichtsfeste Beweissicherung nötig. Hier setzt ProBeweis an.

"Insgesamt zeichnet sich eine stetig wachsende Nachfrage ab", sagte Professor Dr. Anette Solveig Debertin vom MHH-Institut für Rechtsmedizin.

"Es handelte sich bisher in etwa zu gleichen Teilen um körperliche und sexuelle Gewalt, in einigen Fällen auch um eine Kombination aus beiden. Nach unserem Kenntnisstand sind in über 20 Prozent dieser Fälle Anzeigen bei der Polizei erstattet worden. Dieses werten wir als Erfolg und Bestätigung der Notwendigkeit eines solchen Angebotes."

Außer in Hannover arbeiten weitere Ambulanzen derzeit in Partnerkliniken in Aurich, Braunschweig, Göttingen, Lüneburg, Meppen, Northeim, Oldenburg, Osnabrück, Papenburg, Stade, Uelzen, Vechta, Verden und Wolfsburg.

Alle Anlaufstellen gehen bei der forensischen Untersuchung nach demselben Standard vor und arbeiten mit einheitlichen, vom Institut für Rechtsmedizin entwickelten Dokumentationsbögen und Untersuchungskits, hieß es. Sie sind abgestimmt mit den polizeilichen Standards.

Vorher lernen die Ärztinnen und Ärzte in den Partnerkliniken in speziellen Schulungen, wie Beweise und Spuren gerichtsverwertbar gesichert werden, so die MHH.

"Bislang wurden mehr als 200 Ärztinnen und Ärzte in den Partnerkliniken geschult und an allen Standorten ein strukturiertes Vorgehen zur gerichtsverwertbaren Dokumentation und Spurensicherung unter Gewährung der ärztlichen Schweigepflicht etabliert", erklärte Privatdozentin Dr. Tanja Germerott vom MHH-Institut für Rechtsmedizin.

Die zweite Beweisambulanz in der MHH befindet sich in der Frauenklinik unter der Leitung von Professor Dr. Peter Hillemanns. "ProBeweis hat sich in zweifacher Hinsicht bewährt", erläuterte der Klinikdirektor.

"Zum einen ist es ein niederschwelliges Angebot für alle, die sich noch nicht entscheiden können, ob sie Anzeige erstatten oder nicht. Zum anderen verbessert es erheblich die komplexe Untersuchungsprozedur für die Frauenärzte."

Noch ein Jahr wird ProBeweis vom Land Niedersachsen gefördert. "Jetzt geht es darum, Wege zu finden, diese Form des Beweisschutzes in Niedersachsen, aber auch bundesweit dauerhaft als feste Hilfe zu verankern", sagte Cornelia Rundt (SPD), Sozialministerin in Niedersachsen.

Kontaktadressen: www.mh-hannover.de/probeweis.html

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