Ärzte Zeitung, 23.07.2015

Längeres Leben

Geschenk des Mauerfalls

BERLIN. Der größte Vorteil der Wiedervereinigung ist ein längeres Leben für die Menschen in den neuen Bundesländern. Jungen, die nach 1990 geboren wurden, können durchschnittlich mit sechs Lebensjahren mehr rechnen als Geschlechtsgenossen, die vor der Wende geboren wurde.

Bei Mädchen liegt der Zuwachs bei vier bis fünf Jahren. Inzwischen hat sich die Lebenserwartung in Ost und West weitgehend angeglichen.

Doch auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung bestehen Unterschiede fort, heißt es in der Studie "So geht Einheit" des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, So beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer in Baden-Württemberg 79 Jahre, in Sachsen-Anhalt sind es nur 75,8.

Ähnlich sieht es bei der verbleibenden Lebenserwartung für über 60-Jährige aus, die in Sachsen-Anhalt und Teilen Mecklenburg-Vorpommerns deutlich unter dem Bundesschnitt liegt.

Maßgeblich dafür seien Unterschiede insbesondere bei Herz-Kreislauferkrankungen. Die fünf neuen Länder wiesen 2012 höhere Sterblichkeitsziffern als im Durchschnitt auf. Brandenburg und Sachsen-Anhalt verzeichnen die höchsten Werte.

Dagegen unterscheidet sich die Krebssterblichkeit kaum zwischen Ost und West. Frauen in den neuen Ländern erkranken seltener an Lungenkrebs als im Westen. Unklar ist, ob dies mit einem unterschiedlichen Rauchverhalten zusammenhängt.

Ost-West-Unterschiede auch beim Nachwuchs

Beim Trinkverhalten, konstatieren die Autoren, haben sich die Konsummuster nur langsam verändert - zum Nachteil der Ostdeutschen. Schon vor dem Mauerfall gab es zwischen Rostock und Plauen mehr Alkoholtote.

Das ist so geblieben -  eine "Folgewirkung des Alkoholmissbrauchs während der DDR-Zeit", heißt es. 1990 lag in Mecklenburg-Vorpommern die Zahl der Sterbefälle wegen Alkoholmissbrauchs fast dreimal über dem gesamtdeutschen Mittelwert von 17,3 je 100.000 Einwohner.

Der Anteil der Männer mit riskantem Trinkverhalten beträgt in Sachsen und Thüringen 39 Prozent - ein Wert, an den unter den Westländern nur Nordrhein-Westfalen mit einer Quote von 36 Prozent herankommt.

Auch beim Nachwuchs unterscheiden sich Ost und West weiterhin signifikant.

Fiel die Fertilitätsrate in der Nachwendezeit mit 0,77 Kindern je Frau auf den weltweit jemals gemessenen Wert, so liegt die Rate in den neuen Ländern heute wieder leicht über dem gesamtdeutschen Schnitt von 1,4 Kindern je Frau. Grund dafür ist vor allem der geringere Anteil kinderloser Frauen im Osten im Vergleich zum Westen.

Die Studienautoren sehen darin eine Nachwirkung des "sozialistischen Frauenbilds der DDR", bei dem Kinder und Beruf als zusammengehörig proklamiert wurden.

Erhalten haben sich auch unterschiedliche Lebensmodelle für Paare: Der Anteil der nichtehelich geborenen Kinder beläuft sich im Osten aktuell auf 62 Prozent, im Westen 29 Prozent.

Angeglichen hat sich hingegen das Alter der Erstgebärenden: Lag es zu DDR-Zeiten bei 23 Jahren, so beträgt es in den neuen Ländern 28 Jahre, im alten Bundesgebiet 29 Jahre. (fst)

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