Ärzte Zeitung, 16.12.2015

Körperwelten

Ausstellung droht erneut die Schließung

Dem Berliner Menschen-Museum Körperwelten droht nach einem Urteil Ungemach.

BERLIN. Noch ist das Museum im Sockel des Fernsehturms am Alexanderplatz geöffnet.

Wird das Urteil des Oberverwaltungsgerichts (OVG) Berlin-Brandenburg jedoch rechtskräftig, müssen die Betreiber die Pforten dicht machen.

Laut Gericht benötigen sie nämlich für die Ausstellung der Plastinate von Gunther von Hagens eine Genehmigung.

Damit folgen die Richter der Ansicht des Bezirksamts Mitte, das zwischenzeitlich mit einstweiligen Verfügungen versucht hatte, die Eröffnung des Museums zu verhindern (die "Ärzte Zeitung" berichtete).

Vor einem Jahr hatte das Verwaltungsgericht in erster Instanz entschieden, dass keine Genehmigung erforderlich ist. Dieses Urteil hat das OVG nun geändert.

Nach der Auffassung des OVG fallen die plastinierten Ausstellungsstücke unter den Begriff der Leiche im Sinne des Berliner Bestattungsgesetzes und unterliegen damit grundsätzlich einem Ausstellungsverbot.

Dieses gilt zwar nicht für wissenschaftliche Präparate. Da das Museum aber kein anatomisches Institut ist, könne es auch keine Ausnahmegenehmigung beanspruchen.

Auch sei es dem Betreiber nicht möglich, für die Ausstellungsstücke Einwilligungen der Körperspender vorzuweisen. Grund dafür ist, dass die ID-Nummern nach Abschluss des Plastinat-Herstellungsprozesses entfernt werden.

Nach Auffassung der Richter besteht damit keine Möglichkeit der Kontrolle, ob das Plastinat mit dem Einverständnis des Spenders hergestellt wurde und ausgestellt werden darf.

Das sei aber unabdingbare Voraussetzung für eine Ausstellung menschlicher Exponate, so das Gericht. (juk)

Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg, Az.: OVG 12 B 2.15

[17.12.2015, 15:27:48]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Plastinate sind keine Leichen - auch für Juristen!
Das Berliner "Gesetz über das Leichen- und Bestattungswesen (Bestattungsgesetz) vom 2. November 1973" besagt mit Paragraph 14:
"§ 14 Öffentliches Ausstellen von Leichen
(1) Leichen dürfen nicht öffentlich ausgestellt werden. Das Öffnen oder
Offenlassen des Sarges während der Bestattungsfeierlichkeiten ist verboten.
(2) Das Bezirksamt kann Ausnahmen von den Verboten des Absatzes 1 zulassen."

Dies kann sich rein formaljuristisch gar nicht auf Plastinate beziehen: Denn mit deren Ausstellung im Berliner Menschen-Museum Körperwelten sind ja gerade k e i n e Bestattungsfeierlichkeiten und/oder offengelassene Särge verbunden, sondern Information, Aufklärung und Ausstellung über anatomische Zusammenhänge bis hin zu Ganzkörperplastinaten.

Unabhängig davon, dass die Herkunft der Plastinate unklar sei, die Einwilligung zur Ausstellung zu Lebzeiten der derart Exponierten rechtsunsicher wäre und Dr. med. Gunther von Hagen eine schillernde Kollegen-Figur sein könne? Bei jeder Feuerbestattung müsste dann ja auch eine Herkunftsbezeichnung der Asche bzw. eine rechtsgültige Einwilligungserklärung zu Lebzeiten der Verstorbenen vorgelegt werden können.

Ausstellung und Zurschaustellung Verstorbener ist übrigens in Madame Tussaud's Berliner Wachsfigurenkabinett ebenso erlaubt - https://www.madametussauds.com/berlin/ - ,
wie im öffentlich zugängliche Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité - Universitätsmedizin Berlin -
http://www.bmm-charite.de/museum/unsermuseum.html
Auf deren Homepage heißt es: "Als öffentliches Museum der Charité mit regulären Öffnungszeiten gewährt das Berliner Medizinhistorische Museum seinen Besucherinnen und Besuchern faszinierende Einblicke in die Entwicklung der Medizin der letzten 300 Jahre. In seiner Dauerausstellung zeigt es vor allem eine etwa 750 Objekte umfassende Sammlung pathologisch-anatomischer Feucht- und Trockenpräparate sowie Modelle und Abbildungen aus zentralen medizinischen Aktionsräumen: dem Anatomischen Theater, dem Anatomischen Museum, dem Labor sowie dem Krankensaal."

Hintergrund der Länder-Bestattungsgesetze ist z. B. für Berlin die dichte Besiedlung und enge Bebauung mit einer hohen Anzahl täglicher Bestattungen. Dort ist die Durchführung einer öffentlichen Leichenschau ("public viewing"), wie ich sie einmal auf dem mittelalterlichen Marktplatz in Radstadt/Land Salzburg/A miterlebt habe, aus rein olfaktorischen (Leichengeruch) und auch hygienischen (Verwesung) Gründen obsolet. Wenn man nicht, wie in den USA üblich, vorher eine Einbalsamierung vornimmt, um den Anblick bzw. Abschied am offenen Sarg zu verschönern: Vgl. dazu die US-Bestattungsserie "Six Feet Under" mit dem deutschen Untertitel "Gestorben wird immer".

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund






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