Ärzte Zeitung, 02.03.2016
 

Riskante Dosis?

Ärzte fordern mehr Genderforschung

Ärzte sehen Forschungsbedarf bei der geschlechtsspezifischen Dosierung von Arzneimitteln. Gender Mainstreaming wird auch im Innovationsfonds eine Rolle spielen.

Von Anno Fricke

Ärzte fordern mehr Genderforschung

Paar beim Arzt: Fachleute sehen vor allem bei Onkologika geschlechtsspezifischen Forschungsbedarf.

© Raths/Fotolia.com

BERLIN. Arzneimitteltherapiesicherheit wird einer der Hauptförderschwerpunkte des Milliarden Euro schweren Innovationsfonds. Bei einer Veranstaltung Anfang Februar benannte Professor Josef Hecken, GBA-Chef und oberster Verwalter des Fonds, ein mögliches Forschungsfeld: geschlechtsspezifische Dosierung von Arzneien, um unerwünschte Arzneimittelereignisse zu verringern.

Unsicherheiten bei der Dosierung herrschen vor allem bei älteren Menschen, und in einem weiteren Schritt auch bei Frauen aller Altersstufen. Ältere Menschen seien weitgehend von Studien ausgeschlossen, ab 65 Jahren sei meist Schluss, sagte die Onkologin Professor Diana Lüftner, Vorstandsmitglied der DGHO und Oberärztin an der Berliner Charité der "Ärzte Zeitung".

"Frauen und Senioren in Studien berücksichtigen"

 Bei der Anwendung von Medikamenten komme es derzeit vor allem auf die individuelle Erfahrung des Arztes an. Übergreifende Hinweise auf die Anwendung medikamentöser Therapien in Leitlinien gebe es so gut wie nicht. "Es finden sich oft nur Anregungen, vorsichtig zu dosieren", sagte Lüftner der "Ärzte Zeitung".

Diese Unbestimmtheit hat Gründe. "Konkretheit ist an dieser Stelle schwer herzustellen. Vieles dabei hängt von den vorliegenden Komorbiditäten ab", betont sie.Nach Ansicht von Wissenschaftlern lassen sich Studien sehr wohl so zuschneiden, dass Frauen sowie Senioren berücksichtigt werden.

Die entsprechende Forschung sollte so früh wie möglich vor der Zulassung beginnen. Die Haken dabei: "Wenn man zu viele Fragen in eine Forschungsansatz packen muss, braucht man enorm hohe Fallzahlen", sagt Lüftner. Das wiederum könne dazu führen, dass Medikamente erst mit Verzögerung Marktreife erlangten und der Bevölkerung vorenthalten würden. In erster Linie fehle aber das Geld, gerade auch für gegenderde Studien. Die Infrastruktur dafür sei nicht im Entferntesten vorhanden.

Eine Lösung, so Lüftner, könnte sein, ein kontinuierliches Feintuning der Medikation zu etablieren. Die Politik solle die Pharmaindustrie zu Postzulassungsstudien verpflichten. So könnten Daten zur Wirkung von Arzneien bei Frauen und Senioren gewonnen werden.

Die frühe Nutzenbewertung in Deutschland verlangt von Medikametenherstellern eine geschlechtsspezifische Auswertung der Zulassungsstudien.Der Verband forschender Pharmaunternehmen (vfa) verweist darauf, dass der Gemeinsame Bundesausschuss in den bisher abgeschlossenen Verfahren keinen therapeutisch relevanten Unterschied bei der Wirksamkeit neuer Präparate bei Männern und Frauen festgestellt habe.

Forschungsbedarf bei Krebsmedikamenten

 Es gebe zwar bei der Verstoffwechselung Geschlechtsunterschiede, die aber für die Dosierungsvorschriften keine praktischen Konsequenzen nach sich zögen, heißt es in einem vfa-Positionspapier. Bedeutender seien die Unterschiede der Individuen beim Gewicht und in der Lebensführung.

Bei der größten Gruppe neuer Medikamente, den Onkologika, sehen Fachleute dennoch weiterhin Forschungsbedarf. "Unterschiede bei onkologischen Wirkstoffen zwischen Männern und Frauen sowohl in der biologischen Wirkung, der Pharmadynamik, als auch im Stoffwechsel und der Ausscheidung, der Pharmakinetik, sind auch heute noch unzureichend untersucht", sagte der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Ärzte (AkdÄ), Professor Wolf-Dieter Ludwig, der "Ärzte Zeitung".

Die Dosierung von Arzneien orientiere sich heute weiterhin in erster Linie an der Körperoberfläche, nicht aber an der genetischen Variabilität der Arzneiwirkungen bei Männern und Frauen. Hier seien bessere Kenntnisse vonnöten, um Dosisanpassungen korrekt vorzunehmen.

Nicht nur bei Krebs genießt der Gender-Aspekt Aufmerksamkeit. Neuerdings richtet sich der Fokus von Ärzten und Wissenschaftlern auch auf Volkskrankheiten wie Diabetes. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede dieser Krankheit sollten in eine nationale Diabetes-Strategie aufgenommen werden, fordert Professor Vera Regitz-Zagrosek, Direktorin des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité.

Regitz-Zagrosek und ihr Team hatten zuvor schon darauf aufmerksam gemacht, dass bei Frauen Herzinfarkte seltener und später erkannt würden, weil Herzinfarkte bei Ärzten oft noch als männliche Krankheit gälten.

Die geschlechtsspezifische onkologische Versorgung und die Berücksichtigung von Genderaspekten in Arzneimittelstudien sind Schwerpunktthemen des Bundeskongress GenderGesundheit am 12. und 13. Mai in Berlin. Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) werden dabei das neue Qualitätszirkel-Modul zur geschlechtersensiblen Gesundheitsversorgung von Frauen und Männern vorstellen.

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