Ärzte Zeitung, 01.02.2017
 

Antibiotika

Vollautomatisierung im Kampf gegen Resistenzen

Die Politik hält am Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen fest. In den letzten Wochen hat der Innovationsausschuss für entsprechende Projekte in Bayern und NRW grünes Licht gegeben. Was Kliniken tun können, um den Antibiotika-Einsatz und Testverfahren zu bessern, zeigt das Beispiel Heidelberg.

Von Wolfgang van den Bergh

Vollautomatisierung im Kampf gegen Resistenzen

Die neue vollautomatisierte Laborstraße, die im April in Heidelberg in Betrieb genommen wurde.

© Universitätsklinikum Heidelberg

BERLIN. 2015 hatten sich Vertreter der G7-Staaten in Elmau darauf verständigt, gemeinsame Maßnahmen gegen Antibiotika-Resistenzen zu entwickeln. Zwei Jahre später steht das Thema erneut auf der Agenda der Gesundheitsminister der G20-Länder, die sich darüber Mitte Mai unter deutscher Präsidentschaft in Berlin austauschen wollen. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe begrüßt das ausdrücklich. Doch was ist zu tun, bis konkrete politische Entscheidungen fallen?

Die Zahlen sind beeindruckend: 66 000 stationäre und 56 000 teilstationäre Patienten. Hinzu kommen 240 000 ambulante Patienten, die 2015 im Universitätsklinikum und der Medizinischen Fakultät Heidelberg behandelt worden sind. Die Indikationspalette ist breit, wobei der Fokus auf der Onkologie, der Strahlentherapie, der Neurologie, der Neurochirurgie sowie kardiovaskulärer Erkrankungen und Transplantationen liegt.

Oberstes Ziel: Zahl der Infektionen gering halten

In solch einem hochsensiblen Umfeld sei es oberstes Ziel, die Zahl der Infektionen so gering wie möglich zu halten und die Verfahren zur Früherkennung zu verbessern, sagte Irmtraut Gürkan, Kaufmännische Direktorin und stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Uniklinikums Heidelberg bei einem parlamentarischen Abend mit dem Medizintechnologie-Unternehmen Becton Dickinson (BD) kürzlich in Berlin. Investitionen in Hygiene und Labortechnik würden sich am Ende, insbesondere in Kliniken der Hochleistungsmedizin rechnen, zeigte sich Gürkan überzeugt.

Die Schlüsselworte in Heidelberg lauten Automatisierung und Zentralisierung. Für Gürkan steht fest, dass das Outsourcen mikrobiologischer Laborleistungen an private Anbieter keine Option darstellt. Deshalb habe man sich für den Einsatz automatisierter Funktionen entschieden und im April 2016 eine vollautomatisierte Laborstraße im mikrobiologischen Labor der Uniklinik Heidelberg eingerichtet.

Kooperationspartner ist BD, der sich, so Roland Pfleger, Vice President und General Manager Central Europe bei BD, zum Ziel gesetzt hat, "die Effizienz in Klinik und Labor zu verbessern und die Sicherheit von Patienten und medizinischem Personal zu gewährleisten".

Nach Gürkan werde durch die Vollautomatisierung die Befundstellung schneller erfolgen. Dadurch könne eine zielgerichtete Therapie früher einsetzen und die Isolierzeit von Risikopatienten und MRE-Kontaktpatienten zurückgefahren werden. Weiterer Effekt: Der Gesamtantibiotika-Verbrauch werde zurückgefahren.

 Interprofessionelle Zusammenarbeit

Doch neben der verbesserten Labortechnik mussten Arbeitsabläufe in Heidelberg modifiziert und angepasst werden. Kernpunkt des "Antibiotic Stewardship (ABS)" sei die interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen klinischen Pharmazeuten und klinischen Mikrobiologen und Infektiologen, sagte Dr. Torsten Hoppe-Tichy, Chefapotheker des Uniklinikums. Daran haben sich alle Beteiligten zunächst gewöhnen müssen.

Verschiedene Maßnahmen des ABS gingen zurück auf die S3-Leitlinien "Strategien zur Sicherung rationaler Antibiotika-Anwendung im Krankenhaus" und seien mit Evidenz belegt, so Tichy.

Wie sehr der Faktor Zeit bei der Keimbestimmung eine Rolle spielt, verdeutlichte Professor Klaus Heeg, Leiter des Zentrums für Infektiologie am Uniklinikum Heidelberg. Eine verspätete oder nicht-adäquate Therapie führe zu einer sehr hohen Keimlast mit gravierenden Folgen: Erkrankungsschwere und Erkrankungsdauer nehmen zu, ebenso wie das Risiko der Resistenzentwicklung.

Wesentlich für Heeg ist die Therapiekontrolle. Hier habe man sich an niederländischen Modellen wie in Groningen orientiert. Dort erhobene Daten hätten gezeigt, dass durch schnelle Keimbestimmung, Therapiekonzepte bereits am zweiten Tag angepasst werden konnten – bezüglich der Dauer der Antibiotikagabe, aber auch bezüglich eines Wechsels des Antibiotikums. Das war bei jeweils 40 Prozent der Untersuchten der Fall. Bei 26 Prozent sei die Antibiotiokagabe fortgesetzt worden.

Neue Technik und veränderte Abläufe führen in Heidelberg dazu, dass mikrobiologische Ergebnisse nach knapp zehn Stunden vorliegen. Konventionelle Systeme brauchen 24 bis 48 Stunden. Schnellere Ergebnisse, die dazu führen, die Therapie zeitnah anzupassen und Patienten früher aus der Isolationen zu entlassen.

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