Ärzte Zeitung, 27.01.2017

BMC-Kongress

Struktur bremst Innovationen in der Versorgung

Kann Deutschland von anderen Ländern lernen, um Sektorengrenzen zu überwinden? Auf der BMC-Tagung sah man das kritisch. Eine Hürde: der deutsche Föderalismus.

BERLIN. Neue Versorgungsmodelle scheitern im deutschen Gesundheitswesen insbesondere am Übergang zwischen ambulantem und stationärem Bereich. "Die Sektorengrenzen müssen weg" war daher die zentrale gesundheitspolitische Forderung von Professor Reinhard Hoffmann. Der ärztliche Direktor der BG Unfallklinik in Frankfurt am Main saß mit auf dem Podium bei der Eröffnung der BMC-Tagung in Berlin (die "Ärzte Zeitung" berichtete in ihrer App-Ausgabe).

Hoffmann zeigte sich fasziniert vom Vorbild Dänemark. Dort war 2007 umfassend in die Kliniklandschaft investiert worden. Es wurden Kliniken geschlossen und zusammengelegt. Entstanden sind hochmoderne Neubauten mit kluger Logistik, die neue Konzepte der Versorgung ermöglichen.

Nanna Skovgaard, Abteilungsleiterin im dänischen Gesundheitsministerium, hatte das "Superhospitalprogramm" zuvor auf der Tagung vorgestellt. Dass dies ein Vorbild für Deutschland sein könne, konnte Hoffmann in der Diskussionsrunde nicht glauben: "Die deutschen Krankenhäuser sind zwar reformbedürftig, doch es fehlt in unserer föderalen Struktur die zentrale Steuerung, die so eine Wende auf den Weg bringt."

Gassen: "Landschaft zu heterogen"

Ähnlich sah es KBV-Vorstandschef Andreas Gassen: "Die Landschaft in Deutschland ist zu heterogen. Eine große Bereinigung wie in Dänemark ist hier nicht möglich." Die "Abschottung der Finanzströme" zwischen dem ambulanten und dem stationären Bereich ist auch für den KBV-Chef das größte Hindernis, um neue Versorgungsmodelle zu etablieren.

Thomas Ballast, stellvertretender Vorsitzender der Techniker Krankenkasse, sah eher Chancen, vom US-Modell zur gesundheitlichen Versorgung der Kriegsveteranen zu lernen. Dr. Kathleen Frisbee, Direktorin der Abteilung Connected Care im Kriegsveteranenministerium, hatte in ihrem Beitrag dargestellt, wie die digitale Vernetzung medizinische Behandlungen über Distanzen hinweg erleichtert.

Telemedizin als Mehrwert

Konsultationen erfolgen per Video, Diagnosen werden über digital versendete Aufnahmen abgeklärt, Blutdruck-Werte mithilfe des Mobiltelefons übermittelt und im virtuellen Wartezimmer gibt der Patient bereits vor dem Arztbesuch wichtige Daten ein: Dass so die Patienten selbst Daten zu ihrem Gesundheitszustand generieren, begeisterte den TK-Vize: "Langfristig lassen sich darüber neue Informationen gewinnen, die wiederum für die Steuerung genutzt werden können."

Zur Eröffnung der Tagung hatte – wie berichtet – Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) an die Ärzte appelliert, die Chancen des Internets etwa in der Wissensvermittlung zu akzeptieren. (wer)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Fehldiagnose lässt "Thrombophilie"-Patientin zittern

Bei einer Frau mit Venenthrombose wurde eine Thrombophilie-Diagnostik vorgenommen. Der Verdacht erhärtete sich und bescherte ihr angstvolle Wochen. mehr »

Schärfe und Säure kurbeln das Immunsystem an

Was wir essen, beeinflusst maßgeblich, wie gut die Immunabwehr im Speichel funktioniert. Das haben Münchener Forscher untersucht. mehr »

Was tun gegen sexuelle Belästigung?

Anzügliche Bemerkungen, obszöne Witze, schlüpfrige Mails bis hin zu Berührungen: Sexuelle Aufdringlichkeit gehört auch in Praxen und Kliniken manchmal zum Alltag. Statt die Belästigungen zu ignorieren, sollten sich Betroffene wehren - dazu gibt es mehrere Möglichkeiten. mehr »