Ärzte Zeitung online, 21.04.2017

Ungenutzte Datenschätze

Hochschulmedizin arbeitet an elektronischer Patientenakte

Die Hochschulmedizin will bislang ungenutzte Datenschätze heben und zu Patientennutzen veredeln. Helfen soll eine elektronische Patientenakte.

Von Anno Fricke

Hochschulmedizin arbeitet an elektronischer Patientenakte

Umfassende Daten in einer Akte: Das will die Hochschulmedizin für Versorgung und Forschung.

© everythingpossible / stock.adobe

BERLIN. Eine flächendeckende elektronische Patientenakte, die sowohl für die Versorgung als auch für die Forschung nutzbar ist, soll das Gesundheitswesen in Deutschland auf ein neues Niveau heben. Der Zugriff möglichst vieler Versorger auf die Akte soll einerseits medizinischen Mehrwert für den Patienten schaffen. Andererseits soll die Nutzung der darüber gewonnenen Daten einen Erkenntnisgewinn für den Umgang mit Antibiotika und ganz allgemein für die stratifizierte Medizin schaffen. Konkret beforscht werden sollen die Infektiologie, Krebserkrankungen, seltene Erkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Arzneimittel-Interaktionen. Das kündigten die Initiatoren am Freitag an.

Hinter dem Projekt stehen die Verbände der Hochschulmedizin. "Das ist eine der besten Initiativen, die in den vergangenen Jahren gestartet wurden", sagte der Vorsitzende des Verbands der Universitätsklinika Deutschlands (VUD) Professor Michael Albrecht. Die Arbeiten an der Akte haben demnach vor einem Jahr begonnen. Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) unterstützt das Vorhaben im Zuge der Medizininformatikinitiative mit 100 Millionen Euro. Eine deutliche Erhöhung des Zuschusses stehe bereits im Raum, sagte Albrecht. Angelegt sei die Entwicklungsarbeit auf fünf Jahre plus einer Option auf weitere fünf Jahre. Der VUD, der Medizinische Fakultätentag (MFT) sowie die Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung (TMF) kündigten an, ihre Arbeiten mit denen der Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (gematik) synchronisieren zu wollen. Dazu solle ein enger Austausch auch mit den beteiligten Ministerien etabliert werden.

Die geplante Akte, die deutlich mehr sein soll als eine Digitalisierung aktueller Patientenunterlagen, soll auf vier Wegen Nutzen schaffen.

» Elektronische Zusammenführung relevanter Daten unterschiedlicher Gesundheitseinrichtungen, um das Bild über die Situation eines Patienten und den Krankheitsverlauf zu schärfen. So sollen Diagnosen schneller und präziser gestellt, Doppeluntersuchungen vermieden und unerwünschte Arzneimittelwirkungen verhindert werden.

» Daten aus Sensoren und aus der Gensequenzierung sollen Ärzten helfen, den für den Patienten besten Behandlungsansatz bereits vor Therapiebeginn zu bestimmen. Dabei sollen Methoden der Statistik, der Biometrie und Bioinformatik genutzt werden.

» Versorgungsdaten sollen Zusammenhänge zwischen einzelnen Genen, Lebensstilen, Erkrankungen und Komplikationen aufdecken helfen. Konkret könnte so die Entdeckung und Behandlung seltener Erkrankungen verbessert werden.

» Forschungsergebnisse sollen mit Hilfe der forschungskompatiblen Patientenakte schneller für die Versorgung bereitstehen.

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