Ärzte Zeitung online, 14.06.2017
 

Doping im Fußball

Keine klare Vision

Im internationalen Fußball werden Millionen verdient, doch der Kampf gegen Doping ist der Fifa nichts wert.

Von Pete Smith

"Die Fifa hat eine klare Vision: den Fußball frei von Doping zu machen", versicherte Fifa-Präsident Joseph Blatter 2007 in einer Erklärung seines Verbands. Zwar gebe es derzeit "keine wissenschaftlichen Beweise für systematisches Doping im Fußball". Dennoch mache der "gelegentliche Missbrauch" eine "viel engere Zusammenarbeit zwischen den Anti-DopingOrganisationen erforderlich".

Dass Blatters wohlfeile Worte kaum mehr als eine Nebelkerze waren, sehen wir zehn Jahre später bestätigt. Im internationalen Fußball werden zwar Milliarden umgesetzt, doch der Kampf gegen Doping ist der Fifa nichts wert. Skandale sind schlecht fürs Geschäft. Das hat zuletzt der Radsport bewiesen, dessen Beliebtheit im Windschatten seiner vielen Affären verweht. Kein Wunder also, dass die Kontrollen vielerorts eher lax ausfallen und mancherorts ganz entfallen, dass Vereine ihre Meldepflicht ignorieren und Skandale erst aufgedeckt werden, wenn verdeckt ermittelnde Journalisten geltungssüchtige Ärzte zum Tratschen bringen.

Ein Jahr ohne Dopingprobe

Beispiel Spanien: Im Februar dieses Jahres sickerte durch, dass in der Primera Division nahezu ein Jahr lang keine international gültige Dopingprobe mehr genommen wurde. Wie kann das sein? Die Politik sei schuld, hieß es zunächst. Auf Verlangen der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) sollte Spanien die Verjährungsfrist für positive Kontrollen wie auch die Sperrzeit überführter Dopingsünder verlängern. Aufgrund einer Regierungskrise wurden die Vorgaben jedoch verschleppt, worauf die Wada das Land zu einem "nicht konformen Staat" erklärte und das Doping-Kontroll-Labor in Madrid suspendierte.

Dopingtests, so schlug die Agentur vor, sollten bis auf Weiteres die internationalen Verbände organisieren. In den meisten Sportarten sprangen jene tatsächlich ein, nicht aber im Fußball. Die spanische Anti-Doping-Agentur (AEPSAD) stieß sowohl bei der Fifa als auch bei der Uefa auf Granit. "Beide Verbände verweigerten es, eine solche Vereinbarung zu unterzeichnen", hieß es in einer Erklärung der AEPSAD. "Die Fifa, weil sie sich nur für den internationalen Fußball verantwortlich sieht, und die Uefa, weil sie sich nur für Vereine in der Verantwortung sieht, die an Uefa-Wettbewerben teilnehmen." Eine "klare Vision" ist da nicht zu erkennen.

Unauffindbare Spieler

Beispiel England: Im April 2016 flog ein Dopingring um den Gynäkologen Mark Bonar auf. Reporter der ARD und Sunday Times hatten den dubiosen Arzt inkognito befragt und mit versteckter Kamera dabei gefilmt. Bonar brüstete sich, dass es unter seinen Kunden auch viele Profis der Premier League gebe, darunter Kicker von Arsenal, Chelsea und Leicester City.

Die Affäre verpuffte, da weder die genannten Clubs noch Bonar juristisch auf den Bericht reagierten. Zuletzt machte Manchester City, der aktuelle Verein des ehemaligen Bayern-Trainers Pep Guardiola, von sich reden, als er wegen Verstoßes gegen die Doping-Regeln mit einer Strafe von 35.000 Pfund belegt wurde: Der Verein hatte es mehrmals versäumt, den Aufenthaltsort seiner Spieler zu benennen, Voraussetzung für unangekündigte Dopingkontrollen.

Im Vergleich zu Spanien und England steht der deutsche Fußball noch gut da. Doch Studien belegen, dass der deutsche Fußball fürwahr keine Insel der Glückseligen ist. Zum Beispiel die vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft geförderte Untersuchung "Doping in Deutschland von 1950 bis heute", die – Stichwort "Spritzenaffäre" – einen Schatten auf die 1954er Helden von Bern warf. Oder Ergebnisse der Untersuchungskommission zur Aufarbeitung der Doping-Vergangenheit an der Universität Freiburg, nach denen die Bundesligisten VfB Stuttgart und SC Freiburg in den 1970er und 1980er Jahren ihre Spieler mit anabolen Steroiden gepäppelt haben sollen.

Gianni Infantino, Blatters Nachfolger als Fifa-Präsident, betont gerne einmal, dass die Fifa in punkto Anti-Doping-Kampf vorneweg marschiere. Schließlich überlasse man die Kontrollen bei den Fußball-Weltmeisterschaften nicht den Gastgebern, sondern kontrolliere die Akteure selbst.

Als der McLaren-Report im vergangenen Jahr dokumentierte, dass zwischen 2011 und 2015 die Dopingproben von mehr als 1000 russischen Athleten manipuliert worden waren, sah Infantino seinen Verband außen vor. Ungeachtet der Tatsache, dass die nächste Fifa-WM 2018 ausgerechnet in Russland stattfindet und der damals noch amtierende russische Sportminister Witali Mutko, Mitglied im Exekutivkomitee der Fifa, als Strippenzieher in der russischen Dopingaffäre namentlich von McLaren belastet wurde. "Die Fifa ist keine Weltpolizei", erklärte Infantino lapidar, "und erst recht nicht die Weltdopingpolizei".

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