Ärzte Zeitung online, 21.11.2017
 

* oder _?

Drittes Geschlecht, neue Perspektiven

Mann und Frau – und sonst nichts? Diese Annahme hat spätestens nach einem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts zum dritten Geschlecht ausgedient.

BERLIN. Sobald sich der Babybauch auch nur ein klein bisschen wölbt, kommt die Standardfrage. "Und, was wird es: Junge oder Mädchen?" Blickt man sich um in Deutschland, so ist der Alltag weitestgehend zweigeteilt: In Stellenanzeigen wird nach "m/w" gesucht. Beim Profisport und in der Mode: hier Herren, dort Damen. Bei den Kindern: rosa und hellblau. Das Bundesverfassungsgericht hat nun etwas entschieden, das manche Vorstellung ändern könnte.

"Kleine Revolution"

"Historisch", "kleine Revolution", "Durchbruch". Diese Worte fielen, als die Karlsruher Richter vor kurzem bekanntgaben, dass es im Geburtenregister mit den Kategorien männlich und weiblich nicht getan ist. Eine dritte Option wie "inter" oder "divers" steht zur Debatte – oder der Eintrag des Geschlechts könnte wegfallen.

Nicht mehr nur die Geschlechtsidentität von Mann und Frau soll damit anerkannt werden, sondern auch die von Menschen, die weder das eine noch das andere sind. So verwunderlich der Beschluss für Laien sein mag: In Deutschland fehlen ganz genaue Zahlen. Je nach enger oder weiter gefasster Definition solle es zwischen 10 000 bis 80 000 intersexuelle Menschen ohne biologisch eindeutige Geschlechtsmerkmale geben.

Wer ins Internet schaut, stößt – neben vielen zustimmenden Worten – auf manches Kopfschütteln über den Beschluss der Richter. "Wenn man sonst keine Probleme hat ...", steht unter einem Artikel. Oder: "Nicht jede Minderheit benötigt extra Regeln."

Ein Anruf bei der Bundesvereinigung Trans* in Berlin, bei René_ Hornstein vom geschäftsführenden Vorstand. Der Unterstrich im Namen ist bewusst gewählt, weil sich Hornstein weder als Mann noch als Frau sieht. Bei der Kontaktaufnahme kann sich Verunsicherung breit machen: Klar ist, Formulierungen wie "Sehr geehrte Damen und Herren" oder "Danke, Herr..." passen nicht mehr. Eine Standardlösung werde es auch in Zukunft nicht geben, glaubt Hornstein und rät, nach Wünschen der Menschen zu fragen und diese zu berücksichtigen.

Schwimmbäder werden gemieden

Hornstein selbst kämpfte bei einer Kontoeröffnung vergeblich darum, nicht als männlicher Kunde der Bank eingetragen zu werden und in Briefen mit "Guten Tag, René_ Hornstein" angesprochen zu werden. Der Beschluss ist nun Bestärkung, auf Änderungen solcher Standards zu pochen. Aber nicht nur: Noch mieden Menschen aus der Community etwa Schwimmbäder, aus Angst vor Diskriminierung. "Dann sind wir nicht sichtbar, dann weiß niemand von uns", sagt Hornstein. Ein Teufelskreis.

Mit dem Beschluss gebe es Hoffnung, dass sich nun mehr Intersexuelle und Trans-Menschen trauen, in der Öffentlichkeit sichtbarer zu werden. Sichtbarer werden könnte die Geschlechter-Vielfalt auch in Lehr- und Schulbüchern. Petra Lucht vom Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der TU Berlin wertet den Beschluss auch als Appell an die Wissenschaften, bestehende Ergebnisse nicht länger zu ignorieren. "Wenn das Wissen so dargestellt wird, dass es nur zwei Geschlechter gibt, dann beeinflusst das die Wahrnehmung von nur zwei Geschlechtern im Alltag", sagt sie. Dabei sei diese Norm erst im Zusammenhang mit den modernen Wissenschaften der vergangenen 300 Jahren konstruiert worden – teils wider besseres Wissen, etwa in Biologie und Medizin, wo Intersexualität lange bekannt ist. Geschlecht sei so zu einem Platzanweiser in der Gesellschaft und einem zentralen identitätsstiftenden Merkmal geworden, sagt Lucht.

Diskriminierung vermeiden – das wünschen sich viele Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnen, auch von der Sprache. Einige Lösungen gibt es schon: etwa den Unterstrich ("Lehrer_innen") und das Sternchen ("Lehrer*innen). Sie scheinen laut Duden bisher vor allem von Interessenvertretern und im Uni-Bereich genutzt zu werden. "Wir gehen davon aus, dass diese Schreibungen in offiziellen Kontexten zunehmen werden", so die Duden-Redaktionsleiterin Kathrin Kunkel-Razum. Gerade, wenn nach der Umsetzung des Beschlusses auch in Amtstexten der Diversität Rechnung getragen werden müsse. (dpa)

Lesetipp

Dritte Geschlechtsoption – Betroffene jubeln: www.aerztezeitung.de/947218

Intersexualität – was sind die medizinischen Ursachen?: www.aerztezeitung.de/947227

[22.11.2017, 15:18:42]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Der Umgang mit männlich, weiblich oder "inter/divers"...
- egal, ob man nun * oder _ zur semiotischen Zeichensetzung eines Dritten Geschlechts verwenden will;
- gleichgültig, ob eine objektivierbare Intersexualität bei 82 Millionen Einwohnern in Deutschland mit einer Prävalenz von 1 auf 2.500 bis 5.000 Geburten oder höher/niedriger angenommen werden sollte;
- es wären nach meinen Informationen von dieser Situation immerhin zwischen 16.400 und 32.800 Personen in Deutschland unmittelbar betroffen.

Und es sind Menschen, wie Du und ich, gleichgültig ob chromosomale Aberrationen, genetische Mosaik-, Turner-, Klinefelter- u. a. -Syndrome in ihrem Denken, Fühlen, Wollen, Tun, Handeln und ihrer kulturellen Reflexion.

Viele fühlen sich nach meiner 10-jährigen Beratungstätigkeit und 25 Jahren Hausarztpraxis durchaus eindeutig einem der beiden Hauptgeschlechter zugehörig. Aber es gibt eben die großen Ausnahmen, welche das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) letzten Endes nicht isoliert und unbenannt dastehen lassen wollte.

Doch derzeit setzt ein (typisch deutscher??) Alarmismus ein: Die einen fühlen sich von einem "3. Geschlecht" förmlich überfordert und überrannt, die anderen möchten am liebsten alle angeborenen Variationen der Genitalorgane, auch die o h n e zweifelbehaftete Zuordnung der Geschlechtsidentität unter dem Dritten Geschlecht subsummieren. Doch Transgender-, Transsexualität-, "Gender-Dysphorie-Syndrom"- und "wrong-body-syndrome"-Betroffene streben i.d.R. eine geschlechtliche Ziel-Identität an und wollen geraden nicht auf sexuellen Zwischenstufen verbleiben.

Was bleibt, ist die Achtung der Menschenwürde für jedes einzelne menschliche Individuum. Und das ist gerade für uns Ärztinnen und Ärzte Herausforderung und Verpflichtung zugleich.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[21.11.2017, 11:24:16]
Dr. Diemut Fuchs 
Laborwerte et al.
Sollen dann in Zukunft auch die - häufig stark voneinander abweichenden - geschlechtsspezifischen Normbereiche bei zahlreichen Untersuchungen, v.a. auch in der Labormedizin, entfallen? Das wäre zweifellos die logische Konsequenz zur Vermeidung "diskriminierender" Einordnungen.
Auch jetzt haben wir bereits schon Schwierigkeiten bei Transsexuellen die, auch mittels pharmakologischer Mittel, umgestylt werden. Hormonwerte entsprechen dann medikamentenbedingt z.B. eher den weiblichen Bereichen, während organtypische Parameter wie Blutbild, Leber- & Nierenwerte weiterhin die eines Mannes sind. Wurde in der Untersuchungsanforderung dann auch nur der selbstgewählte Vorname samt "neuem" Geschlecht angegeben, hat der Mensch im Befund gleich einen Haufen pseudopathologische oder auch falsch normale Werte, auf Grund der physiologisch falschen Normbereiche.  zum Beitrag »

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